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  1. #1
    Member Avatar von Tethys
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    Unsicherheit, Bedürfnisse, Selbst-/Fremdeinschätzung etc.

    Ich habe in den letzten Jahren viele enttäuschende und schmerzhafte Erfahrungen mit anderen Menschen gemacht und bin dadurch mittlerweile sehr unsicher geworden und habe mich immer weiter zurückgezogen. Ob Freundschaften, Beziehungen zu Männern, Arbeitskollegen, Mitbewohner: Es sind immer wieder Dinge vorgefallen, die mich sehr verletzt und auch erschrocken haben und die mein Vertrauen und meine Zuversicht, mich auf zwischenmenschliche Beziehungen einzulassen, mehr und mehr zerstört haben.
    Ich fühle mich zunehmend „seltsam“ und inkompatibel und bin mir sehr unsicher bzgl. meines eigenen Anteils, meines Auftretens und meiner Außenwirkung. Dabei beobachte ich mich selbstkritisch, reflektiere und analysiere unentwegt, aber ich bin mir nicht sicher, was genau ich selbst zu diesen Problemen beitrage.
    Eine Schwierigkeit besteht sicherlich auch darin, dass ich sehr ambivalent bin, also auch sehr gegensätzliche Anteile in mir vereine. Dadurch denke ich mir oft, wenn ich kurz glaube, ich hätte das Problem enträtselt, dass es auch genauso gut das genaue Gegenteil sein könnte.

    Ich weiß, dass ich ein recht komplizierter Mensch bin, verhalte mich anderen Menschen gegenüber aber zugleich sehr „pflegeleicht“: Ich nehme mich und meine Interessen/Bedürfnisse sehr zurück und passe mich schnell den Bedürfnissen meines Gegenübers an. Ich habe immer Angst zu stören, unerwünscht zu sein bzw. mich aufzudrängen und bin daher sehr zurückhaltend und eher distanziert und nehme die Grenzen und Bedürfnisse meines Gegenübers quasi „vorauseilend“ wahr und handle dementsprechend.
    Gleichzeitig wirke ich nach außen oft „hart“ und rational/abgeklärt, dabei bin ich eigentlich extrem emotional und verletzlich und habe das Gefühl, dass mein Herz quasi an meine Stirn getackert ist und jeder sofort sehen kann, wie fragil ich bin.
    Doch oft scheinen die Selbst- und Fremdwahrnehmung sehr auseinanderzugehen und ich finde es dann erschreckend, wie andere Menschen Situationen oder Aussagen interpretieren. Dabei bin ich eigentlich extrem sensibel und nehme sehr viele Zwischentöne wahr und bekomme das auch oft rückgemeldet. Trotzdem scheinen Menschen meine Aussagen/Verhaltensweisen öfter falsch/negativ aufzunehmen, auch wenn meine Intention eine ganz andere war und ich dachte, dies klar vermittelt zu haben. Ich steige aber nicht ganz dahinter, wodran dies ganz genau liegt, da es auch nicht durchgängig der Fall ist und sich kein richtig greifbares Muster abzuzeichnen scheint.

    Ich bin kritisch, anspruchsvoll und vertrete öfter konsequente Meinungen, die nicht dem Mainstream entsprechen und ich weiß, dass ich damit teils polarisiere und unbequem sein kann. Auch haue ich gerne mal Sprüche raus, hab eine „große Klappe“ sowie einen dunklen und trockenen Humor. Manchmal ecke ich auch gerne bewusst mit Aussagen an, um zu provozieren und eine lebhafte Diskussion anzustoßen. Dabei geht’s mir eigentlich oft um Gerechtigkeit/Fairness, verantwortungsbewusstes und respektvolles Handeln, Ernstnehmen von fremden Grenzen und Bedürfnissen und dementsprechende Rücksichtnahme etc.

    Zugleich bin ich aber auch „schüchtern“, sehr ruhig, introvertiert, unsicher und zurückhaltend – vor allem dann, wenn der Kontakt persönlicher wird. Bei Leuten, die ich nicht oder kaum kenne oder wenn die Beziehung sich nur auf einen ganz bestimmten Kontext bezieht (z.B. Uni oder Arbeit), kann ich in diesem Rahmen durchaus auch extrovertiert und „lauter“ sein und auch mal Gespräche dominieren. Aber je persönlicher und privater es wird, desto unsicherer und geradezu unterwürfig werde ich und meine „harte“ Fassade schwindet. Gerade in so ungeklärten Beziehungen, die sich auf keinen bestimmten Kontext beziehen oder die anfangen, ins Private überzugehen, bin ich extrem unsicher und gehemmt.
    Es ist für mich auch geradezu ein Ding der Unmöglichkeit, zu fremden Leuten oder welchen, die ich aus einem bestimmten Kontext kenne, eine private Freundschaft aufzubauen bzw. würde ich aus Angst davor, mich aufzudrängen oder abgelehnt zu werden, nie den ersten Schritt machen.
    Eigentlich alle (wenigen) Freunde/Bekannte, die ich habe, haben den ersten Schritt getan und mir deutlich gesagt/signalisiert, dass sie den Kontakt wollen.

    Tatsächlich finde ich jedoch eh nur ganz wenige Menschen im RL überhaupt interessant, mit den meisten fühle ich mich nicht kompatibel. Es sind gar nicht mal unbedingt immer die Themen, die einen trennen, sondern eher die Intensität der Auseinandersetzung mit diesen. Viele Menschen sind sehr oberflächlich und hören bei ihrer Beschäftigung mit einem Thema an einem Punkt auf, an dem es für mich erst anfängt, interessant zu werden. An dieser tiefergehenden und differenzierten Beschäftigung mit Themen haben die meisten aber offenbar kein Interesse, für sie ist das übertrieben, kleinlich, abgehoben.

    Doch auch wenn ich selbst nicht mal so viele Menschen interessant finde und auch rational klar ist, dass man nicht jeden mögen kann oder muss, wünsche ich mir irgendwie, beliebt zu sein. Allerdings habe ich immer wieder das Gefühl, Menschen zu irritieren und finde mich tendenziell in einer Außenseiterrolle wieder. (Außenseiterin zu sein finde ich an sich nicht schlimm, solange ich quasi eine gemochte Außenseiterin bin.)
    Gleichzeitig finde ich soziale Interaktion häufig auch einfach nur anstrengend und bin lieber allein.

    Ich gerate außerdem immer wieder in asymmetrische Konstellationen, in denen ich ausgenutzt oder schlecht behandelt werde und in denen meine Bedürfnisse nichts zählen. Grundsätzlich scheine ich bereit zu sein, viel mehr für andere Menschen zu geben und zu tun als diese für mich. Dies habe ich schon häufig sehr schmerzlich erfahren und dieses Ungleichgewicht frustriert mich immer mehr.

    Durch die negativen Erfahrungen und meine Unsicherheit, habe ich mittlerweile auch irgendwie meine „Natürlichkeit“ im Umgang mit anderen Menschen verloren. Ich mache mir so viele Gedanken, analysiere und interpretiere, dass ich schon total verkopft bin und die Unsicherheit dadurch immer stärker wird.

    Das ist jetzt ziemlich wirr und unvollständig und es zielt auch auf keine richtig konkrete Frage ab, aber der Text ist schon lang genug und vielleicht fällt ja jemandem was dazu ein.

  2. #2
    Get a life! Avatar von Lucaa
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    AW: Unsicherheit, Bedürfnisse, Selbst-/Fremdeinschätzung etc.

    gar nicht. ich erkenne mich da fast zu 100% wieder, nur, dass ich auch nach außen nicht hart bin.

    ich bin an diesen widersprüchlichkeiten über die jahre zunehmend verzweifelt und ich war ja auch lange in therapie. die antwort darauf ist eigentlich recht einfach: zu geringes selbstwertgefühl. die frage ist nur: woher kommt das bei dir und was kann dich stärken? die erste frage habe ich für mich schon ziemlich beantwortet. es gibt bei mir familienstrukturen von beiden elternteilen, die meiner ansicht nach nur schwer zu was anderem führen konnten als zu dem, was mich so belastet. das sind teilweise auch erforschte themen wie z.b. die flüchtlingsthematik, die in meiner familie vorkommt.

    für mich war es sehr hilfreich, erklärungen für gewisse wesenszüge und verhaltensweise zu finden, die mich belasten. weil es einem dieses gefühl nimmt, allein damit zu sein. und das finde ich sehr beruhigend. ich habe immer das gefühl, dass ich einfach nur gemocht werden will und niemandem was böses tue. aber je mehr ich mich zurücknehme, desto weniger reagieren die menschen psoitiv auf mich. ich musste lernen, dass grade grenzen setzen und ein profil zu haben, viel mehr zum eigenen glück beiträgt, als ein nicht greifbares, farbloses "everybody' sdarling" zu sein. bzw. das eine schließt das andere nicht aus, im gegenteil.

    und irgendwie lese ich das bei dir auch raus. die gleichung "wenn ich keine eigene meinung habe, ecke ich auch nicht an und dann mag mich jeder" geht leider so nicht auf. und man wird auch noch unglücklich dabei, weil die anderen menschen permanent deine grenzen überschreiten, weil sie sie nicht wahrnehmen, wenn du sie nicht setzt.

    soweit zur theorie. ich bin grade dabei, einen weg zu finden, das umzusetzen.
    Das Paradies gibt's nicht. Net mal in Unterfranken.

  3. #3
    Member Avatar von Tammie
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    AW: Unsicherheit, Bedürfnisse, Selbst-/Fremdeinschätzung etc.

    Tethys, dein Beitrag könnte von mir sein. Ich hätte dies nur nie so treffend formulieren können. Ich werde morgen etwas dazu schreiben. Mich beschäftigt dieses Thema gerade an Weihnachten und am Jahresende in besonderer Weise und die Tatsache, dass sich über die Jahre nichts geändert hat, macht mir seit langem ziemlich zu schaffen.
    Geändert von Tammie (04.01.2017 um 23:11 Uhr)

  4. #4
    Member Avatar von Tethys
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    AW: Unsicherheit, Bedürfnisse, Selbst-/Fremdeinschätzung etc.

    Danke für eure Antworten!

    Zitat Zitat von Lucaa Beitrag anzeigen
    die antwort darauf ist eigentlich recht einfach: zu geringes selbstwertgefühl. die frage ist nur: woher kommt das bei dir und was kann dich stärken?
    Das instabile Selbstwertgefühl ist auf jeden Fall ein Dauerthema bei mir, da hast du recht. Mir ist auch klar, woher das kommt: Es sind ebenfalls unvorteilhafte Muster der Elternteile bzw. eigentlich meine komplette Kindheit, die - nüchtern betrachtet - nichts anderes als genau das hervorbringen konnte.
    Mein Selbstwertgefühl zu stabilisieren bzw. sogar eine grundlegend positive Beziehung zu mir selbst aufzubauen, ist eine der großen Baustellen in meinem Leben, an der ich auch schon lange intensiv arbeite.
    (Grad habe ich durch einen Buchtipp im Forum auch das Thema self-compassion/Selbstmitgefühl entdeckt und sehe da viel Potential.)
    Und diese Selbstwertproblematik ist sicherlich auch mitentscheidend dafür, dass ich immer wieder in asymmetrische/destruktive Beziehungen/Freundschaften gerate. Aber ich weiß nicht, ob es meine "sozialen Schwierigkeiten" komplett erklärt oder ob da nicht noch was anderes bedeutsam ist.

    Ich hab auch schon viel Therapie gemacht und es hat mir auch durchaus bei einigen Punkten sehr geholfen. Aktuell mache ich keine Therapie mehr und möchte es auch gerade nicht. Leider scheinen meine Probleme so tiefgreifend bzw. vielfältig zu sein, dass eine schnöde (bzw. mehrere) Therapie(n) da jetzt nicht den großen Umbruch bewirken konnte. Der große Umbruch kam erst nach der Therapie und aus mir selbst heraus, ich habe in diesem Jahr schon unglaublich viele positive Veränderungen geschafft, aber diese soziale Geschichte verunsichert mich immer mehr und ich habe das Gefühl, dass es da eher schlimmer wird.

    (Das Ding ist aber glaub ich auch, dass die üblichen Therapien halt grundsätzlich gesprächsbasiert sind und es da v.a. auch darum geht, die eigenen Muster zu reflektieren und zu erkennen. Aber dafür brauche ich halt quasi keine Therapie mehr, mir ist in der Theorie eigentlich alles soweit klar, das Problem, das ich habe, ist die Praxis. Bei meiner letzten Therapie sagte die Therapeutin am Ende der probatorischen Sitzungen, dass ich ja schon alles erkannt habe und sie nicht weiß, was sie mir Neues erzählen soll, da ich ja schon alles im Detail durchreflektiert und verstanden habe. Tja, entsprechend nützlich war dann auch die Therapie und dies war schlussendlich auch die erste Therapie, die ich abgebrochen habe.)

    Was ich mir mittlerweile eher vorstellen könnte, wäre mal sowas wie Gruppentherapie, weil da die zwischenmenschlichen Probleme wahrscheinlich sogar am besten rausgearbeitet werden könnten.

    ich habe immer das gefühl, dass ich einfach nur gemocht werden will und niemandem was böses tue.
    Ohja, genau diesen Gedanken habe ich auch immer wieder.

    aber je mehr ich mich zurücknehme, desto weniger reagieren die menschen psoitiv auf mich.
    Das ist sehr interessant und damit werde ich mal experimentieren!

    ich musste lernen, dass grade grenzen setzen und ein profil zu haben, viel mehr zum eigenen glück beiträgt, als ein nicht greifbares, farbloses "everybody' sdarling" zu sein. bzw. das eine schließt das andere nicht aus, im gegenteil.
    die gleichung "wenn ich keine eigene meinung habe, ecke ich auch nicht an und dann mag mich jeder" geht leider so nicht auf. und man wird auch noch unglücklich dabei, weil die anderen menschen permanent deine grenzen überschreiten, weil sie sie nicht wahrnehmen, wenn du sie nicht setzt
    Also da kommt auch wieder diese Ambivalenz ins Spiel: Ich hab gar nicht so das Gefühl, ein farbloses "Everybody's Darling" zu sein, eher habe ich oft das Gefühl, sogar zu kontrovers, zu aneckend zu sein, zu sehr immer abweichende Meinungen offen kommunizieren zu müssen. Allerdings ist das eigentlich vor allem im Arbeitskontext so - bei den Mittagspausengesprächen z.B. führe ich öfter gerne lebhafte Diskussionen und stelle heraus, dass ich Sachen anders sehe als die meisten anderen am Tisch. Also ich übernehme durchaus immer gerne mal die Rolle der Rebellin mit der großen Klappe (allerdings macht es glaub ich im Endergebnis kaum einen Unterschied, ob man nun zwanghafte Rebellin oder Everybody's Darling ist, es sind eher zwei Extreme der selben Sache).

    Aber was mich selbst und meine persönlichen Interessen angeht, bin ich halt trotzdem total zurückhaltend und quasi unterwürfig. Also ich kann in ner Gruppe laut über Sachthemen diskutieren und mich damit auch irgendwo als rebellische Außenseiterin stilisieren, aber gleichzeitig würde ich für meine persönlichen Belange nicht derart energisch eintreten. Das ist sogar bei Arbeitsthemen oft so, dass ich zu schüchtern bin, Kollegen/Vorgesetzte um irgendwas zu bitten und Angst habe zu nerven, obwohl es um Arbeitsaufgaben geht.

    Je persönlicher/privater eine Beziehung wird, desto angepasster und ruhiger werde ich. Von der Rebellin ist dann nicht mehr viel übrig und ich ordne mich dann eher unter und bin überangepasst. Neulich ist mir das bei einem Treffen mit einer sehr guten Freundin aufgefallen, dass ich ihr quasi nie widersprochen habe und immer sehr auf Übereinstimmung bedacht war.

    Wahrscheinlich ist dieses Rebellin-Ding halt auch nur Teil meiner harten/toughen Fassade, die halt im Grunde auch irgendwo nur Selbstschutz und Show ist (habe ich mir wohl in der Schulzeit zugelegt, um da nicht unterzugehen). Wenn Leute mich dann privat kennenlernen, sind sie oft davon erstaunt, wie weich und zerbrechlich ich in Wirklichkeit bin und dann habe ich halt Angst vor Ablehnung und Verlust und haue meine Meinung nicht mehr raus und möchte einfach gemocht werden.

    soweit zur theorie. ich bin grade dabei, einen weg zu finden, das umzusetzen.
    Ohja, same here. Es wäre so schön, wenn theoretische Erkenntnisse direkt zu einer Änderung führen würden und man unmittelbar in der Lage wäre, das, was man weiß, auch umzusetzen. Aber das empfinde ich als extrem schwierig und das trotz der schonungslosen und selbstkritischen Beschäftigung mit den ganzen Baustellen.

    Zitat Zitat von Tammie Beitrag anzeigen
    Tethys, dein Beitrag könnte von mir sein. Ich hätte dies nur nie so treffend formulieren können. Ich werde morgen etwas dazu schreiben. Mich beschäftigt dieses Thema gerade an Weihnachten und am Jahresende in besonderer Weise und die Tatsache, dass sich über die Jahre nichts geändert hat, macht mir seit langem ziemlich zu schaffen.

    Das ist übrigens einer der Gründe, weshalb ich mich nach fast 10 Jahren stillen Mitlesens bei bym angemeldet habe. Aber ich konnte mich noch nicht dazu überwinden einen Thread zu eröffnen.
    Ich freu mich auf deinen Beitrag! Und ja, das Jahresende ist bei mir auch immer so eine Zeit, kenne ich sehr gut.

  5. #5
    Member Avatar von Tethys
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    AW: Unsicherheit, Bedürfnisse, Selbst-/Fremdeinschätzung etc.

    Tja, ich habs fast geahnt, vermutlich hat keiner Lust, die langen Texte zu lesen, geschweige denn darauf zu antworten... Irgendwo auch verständlich, trotzdem schade.

  6. #6
    Get a life! Avatar von Lucaa
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    AW: Unsicherheit, Bedürfnisse, Selbst-/Fremdeinschätzung etc.

    was hast du denn für therapien gemacht? bei mir war das bisher immer tiefenpsychologisch/analytisch und ich hab schon sehr lange das gefühl, dass ich nun genug analyiert habe. deswegen spiele ich mit dem gedanken, eine verhaltenstherapie anzufangen. obwohl ich grade echt genug hab nach 6 jahren und es genieße, keinen festen termin in der woche zu haben.
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  7. #7
    V.I.P. Avatar von finessa
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    AW: Unsicherheit, Bedürfnisse, Selbst-/Fremdeinschätzung etc.

    Zitat Zitat von Tethys Beitrag anzeigen
    Tja, ich habs fast geahnt, vermutlich hat keiner Lust, die langen Texte zu lesen, geschweige denn darauf zu antworten... Irgendwo auch verständlich, trotzdem schade.
    Du hast in einem nicht zu stark frequentiertem Unterform innerhalb von relativ wenig Zeit zwei Antworten auf einen sehr langem Text erhalten. "Wenige", ok. Aber "keiner" stimmt schon mal nicht.

    Zitat Zitat von Tethys
    Das Ding ist aber glaub ich auch, dass die üblichen Therapien halt grundsätzlich gesprächsbasiert sind und es da v.a. auch darum geht, die eigenen Muster zu reflektieren und zu erkennen. Aber dafür brauche ich halt quasi keine Therapie mehr, mir ist in der Theorie eigentlich alles soweit klar, das Problem, das ich habe, ist die Praxis. Bei meiner letzten Therapie sagte die Therapeutin am Ende der probatorischen Sitzungen, dass ich ja schon alles erkannt habe und sie nicht weiß, was sie mir Neues erzählen soll, da ich ja schon alles im Detail durchreflektiert und verstanden habe.

    Mein Therapieverständnis ist da ein Anderes: Nämlich in der Therapiebeziehung neue Beziehung - und Selbsterfahrung zu erwerben. Ohne dieses sehr praktische Element würde meines Erachtens nach was Essentielles fehlen, das sehr viel mit Annehmen und Angenommen werden zu tun hat, nur gelingt es leider nicht immer, das herzustellen, was an fehlender Passung liegen kann, aber auch einfach schlechten Therapeut_innen. Wenn deine Therapeutin "Therapie" so verstanden hat, dir "Neues" zu erzählen, ist das ein für mich kein Konzept, aus dem ihre Patient_innen wirklich profitieren können.
    "Das Verliebtsein ist ja nicht mehr als ein psychiatrisches Durchgangsstadium und die zwanghafte Besessenheit von einem Menschen auf Dauer so ungesund wie Kokainkonsum." Um etwas Pepp in Vernunftbeziehungen zu bringen, empfiehlt der deutsche Paartherapeut Arno Retzer den gelegentlichen Einsatz von Wasserpistolen.

  8. #8
    Enthusiast Avatar von archenstone
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    AW: Unsicherheit, Bedürfnisse, Selbst-/Fremdeinschätzung etc.

    Ich erkenne mich in vielen Dingen wieder, die du schreibst. Die Ambivalenz zwischen "anecken" und "pflegeleicht sein, zurückstecken". Inzwischen finde ich Menschen (Kontakt oder nur die bloße Anwesenheit) generell anstrengend. Das ist in den letzten zwei, zweieinhalb Jahren immer ausgeprägter geworden.

    Ich habe auch kein dysfunktionales "Ziel". Also so was wie "nur noch ein paar Kilo abnehmen, damit ich dünn genug bin" oder "aber wenn ich sicher sein könnte, dass mich alle mögen, dann hätte ich keine Angst mehr". Und wenn mich alle mögen würden, dann würden sie mich ja immer noch nerven.

    Ich habe einige Therapien/Therapieversuche durch. Aktuell mache ich keine. Manche waren total erfolglos. Manche haben durchaus was gebracht, im Sinne von, geändert. Aber trotzdem habe ich heute kein funktionierendes Leben. Ich bin jetzt gesund genug, um "normale" Depressionssymptome zu entwickeln (Menschen tun mir nicht gut -> ich ziehe mich zurück). Wenn man bedenkt, wo ich angefangen habe, ist das ein riesiger Fortschritt.

    Tja. Die Frage ist, was antworte ich auf deinen Post? Was ist die Frage? Vielleicht: Was wäre das Ziel einer Veränderung? Was müsste passieren, damit du glücklich bist?
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  9. #9
    Junior Member Avatar von tassi
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    AW: Unsicherheit, Bedürfnisse, Selbst-/Fremdeinschätzung etc.

    hm, ich kenne einige aspekte davon. während ich bei dem thema männerbeziehungen wenig schwierigkeiten hatte, war das bei dem thema freundschaft genau andersrum. durch verschiedene therapien konnte ich auch gut rausarbeiten woran das lag (sehr problematische elternbeziehung etc.). In den letzten 4 jahren habe ich aber in dem bereich für meine verhältnisse in der praktischen umsetzung meiner erkenntnisse schon einige fortschritte gemacht. sicherlich war bzw. ist die therapie gut, ich werde in dieser auch wertgeschätzt und ich habe in der therapeutenbeziehung die von finessa beschriebene positive beziehungserfahrung gemacht. aber das alleine war natürlich nicht genug. sehr viel geholfen hat es mir, mir vorbilder für bestimmte bereiche zu suchen (im echten leben, aber auch auf youtube, berühmtheiten) , deren verhalten zu beobachten und ggf. auf meine art und weise zu übernehmen. mir ist dadurch auch sehr stark klar geworden warum mein bisheriges verhalten nicht die von mir gewünschte wirkung hatte. ja, ich glaube, dass dies ein wesentlicher punkt war - vorallem weil ich eben in meinem elternhaus in der hinsicht überhaupt keine vorbilder hatte, da sowohl meine mutter als auch mein vater im zwischenmenschlichen kontakt erhebliche schwierigkeiten haben.

    zudem hat es mir wahnsinnig geholfen, dass ich versucht habe mich selbst und andere zu verstehen und nicht zu verurteilen . dadurch gehe ich auf andere mittlerweile immer mehr mit einer offenen, nicht verurteilenden haltung zu und das hat großen einfluss darauf wie ich wiederum von den anderen wahrgenommen werde.

    in dem zusammenhang sind mir bei dir in deinem text folgende bemerkungen aufgefallen: "
    Tatsächlich finde ich jedoch eh nur ganz wenige Menschen im RL überhaupt interessant, mit den meisten fühle ich mich nicht kompatibel. Es sind gar nicht mal unbedingt immer die Themen, die einen trennen, sondern eher die Intensität der Auseinandersetzung mit diesen. Viele Menschen sind sehr oberflächlich und hören bei ihrer Beschäftigung mit einem Thema an einem Punkt auf, an dem es für mich erst anfängt, interessant zu werden. An dieser tiefergehenden und differenzierten Beschäftigung mit Themen haben die meisten aber offenbar kein Interesse, für sie ist das übertrieben, kleinlich, abgehoben.

    für mich klingt das sehr wertend und wenig wertschätzend. ja es mag sein, dass dich das von anderen menschen trennt - aber das ist nur ein punkt und das bedeutet aber mE noch lange nicht, dass die anderen menschen oberflächlich sind. zudem ist es aus meiner sicht viel sinnvoller darauf zu schauen, was dich mit anderen verbindet als darauf zu schauen was dich von anderen trennt. das ist auch ein punkt den ich versucht habe zu ändern - und wenn ich mit der einstellung auf menschen schaue "uns verbindet mehr als uns trennt" (und das ist mittlerweile wirklich meine einstellung) finde ich einen viel intensiveren zugang zu anderen als früher und entdecke und schätze deren positiven eigenschaften. und dadurch werden die anderen dann auch interessant.

    die andere bemerkung von dir ist die von finessa bereits angesprochene. "Tja, ich habs fast geahnt, vermutlich hat keiner Lust, die langen Texte zu lesen, geschweige denn darauf zu antworten... Irgendwo auch verständlich, trotzdem schade. "
    Dieses unterforum ist nicht stark besucht und du hast antworten bekommen. du vermutest gleich "das schlimmste", nämlich das keiner "Lust hat" darauf zu antworten. Es gibt aber noch eine vielzahl von anderen gründen warum andere nicht antworten - ( zB keine Kraft dafür ....)

  10. #10
    V.I.P. Avatar von gewitter
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    AW: Unsicherheit, Bedürfnisse, Selbst-/Fremdeinschätzung etc.

    thetys, ich kenn das ein bisschen. und letztens laß ich in einem roman (unschuld - jonathan franzen) einen satz, der mir wie ein brett vor den kopf knallte. der war hart, aber ich glaube ich hab was kapiert, ich kann ihn jetzt nur frei zitieren: schüchternheit als form der moralischen überlegenheit.
    da stoß ich natürlich bei tassis beitrag ins horn.
    "Es gibt keine harmlosen Zivilisten."

  11. #11
    Member Avatar von Tethys
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    AW: Unsicherheit, Bedürfnisse, Selbst-/Fremdeinschätzung etc.

    Erstmal danke für eure Beiträge!

    Zitat Zitat von finessa Beitrag anzeigen
    Du hast in einem nicht zu stark frequentiertem Unterform innerhalb von relativ wenig Zeit zwei Antworten auf einen sehr langem Text erhalten. "Wenige", ok. Aber "keiner" stimmt schon mal nicht.
    Ich wollte damit nicht die Antworten, die ich schon bekommen hatte, abwerten - absolut nicht. Ich bezog mich eher auf einen bestimmten Zeitraum, nämlich darauf, dass gestern länger keine weiteren Antworten mehr gekommen waren (bis zu meinem Post). Bevor ich das geschrieben hatte, fand ichs selbst blöd und unnötig nörgelig, aber irgendwie musste es in dem Moment raus. Wie gesagt, ich wollte damit aber die Beiträge nicht geringschätzen.

    Zitat Zitat von Lucaa Beitrag anzeigen
    was hast du denn für therapien gemacht? bei mir war das bisher immer tiefenpsychologisch/analytisch und ich hab schon sehr lange das gefühl, dass ich nun genug analyiert habe. deswegen spiele ich mit dem gedanken, eine verhaltenstherapie anzufangen. obwohl ich grade echt genug hab nach 6 jahren und es genieße, keinen festen termin in der woche zu haben.
    Meine längste Therapie (ca. 3 Jahre) war eine tiefenpsychologische. Die hat mir auch am meisten gebracht, was vor allem an der sehr guten Therapeutin lag. Sie hat mich dann nach einem halben Jahr dazu gebracht, dass ich für ein paar Wochen stationär gehe, da ich zu der Zeit in einem sehr sehr tiefen Depressionsloch steckte und ambulante Therapie nicht mehr ausreichte.
    Die stationäre Therapie hatte sowohl Tiefen- als auch Verhaltenselemente, ich konnte mich da auch ganz gut stabilisieren und war voller frohen Mutes, als ich wieder nach Hause ging.

    [Bitte nicht zitieren.] Genau eine Woche nach meiner Entlassung bekam ich dann die Nachricht, dass sich mein Ex-Freund (und wichtigster Mensch meines Lebens) das Leben genommen hat. Durch seinen Tod fiel ich dann in ein so tiefes Loch, das das vorherige geradezu lächerlich erscheinen ließ und dieser Zustand hielt etwa 5 Jahre an. Während dieser Zeit lag mein komplettes Leben brach und die Scherben davon sammel ich aktuell seit ca. 1,5 Jahren wieder auf. [Bitte nicht zitieren.]

    Nach dem Ende der tiefenpsych. Therapie und einem Umzug hatte ich gelegentlich Beratungsstellenangebote in Anspruch genommen, einmal ca. ein halbes Jahr, das war eigentlich schon eine vollwertige Kurzzeittherapie. Die Therapeutin hatte u.a. diese systemische Therapierichtung gelernt und ich fand das (bzw. sie) sehr sehr hilfreich. Doch ich musste mir dann wieder eine reguläre Therapie suchen und landete bei einer Verhaltenstherapeutin. Das war die, die ich weiter oben zitiert habe, die mir absolut nichts gebracht hat.

    Zitat Zitat von finessa Beitrag anzeigen
    Mein Therapieverständnis ist da ein Anderes: Nämlich in der Therapiebeziehung neue Beziehung - und Selbsterfahrung zu erwerben. Ohne dieses sehr praktische Element würde meines Erachtens nach was Essentielles fehlen, das sehr viel mit Annehmen und Angenommen werden zu tun hat, nur gelingt es leider nicht immer, das herzustellen, was an fehlender Passung liegen kann, aber auch einfach schlechten Therapeut_innen. Wenn deine Therapeutin "Therapie" so verstanden hat, dir "Neues" zu erzählen, ist das ein für mich kein Konzept, aus dem ihre Patient_innen wirklich profitieren können.
    Ich stimme dir total zu, dass das Wichtigste an einer Therapie die Beziehung zum/zur Therapeuten/in ist und dass die Therapierichtung da eher nachrangig ist.

    Bei meiner tiefenpsych. Therapie war auch genau das gegeben, die Beziehung zur Therapeutin war sehr besonders und ich fühlte mich vollumfänglich angenommen und wertgeschätzt.

    Bei der Verhaltenstherapeutin war das überhaupt nicht gegeben und eigentlich hatte ich schon ganz am Anfang gemerkt, dass das nicht richtig passt, doch ich war verzweifelt und hatte keine Energie mehr weiterzusuchen, sondern brauchte schnell einen Platz. Das würde ich heute nicht mehr so machen, sondern da komplett auf mein Gefühl hören.

    [...]

    Was ich mir mittlerweile eher vorstellen könnte (statt einer klassischen 1:1-Therapie) wären ein paar Monate Gruppentherapie, um eben genau an diesen sozialen Aspekten zu arbeiten. Dahingehend müsste ich mich mal informieren.

    @ archenstone + tassi + gewitter: Auf eure Beiträge antworte ich später!
    Geändert von Tethys (02.01.2017 um 13:21 Uhr) Grund: gekürzt

  12. #12
    V.I.P. Avatar von finessa
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    AW: Unsicherheit, Bedürfnisse, Selbst-/Fremdeinschätzung etc.

    Tethys, was tassi von deiner Aussage über andere Menschen heraushebt finde ich sehr wichtig: Du beziehst dich da auf etwas, das weniger mit der Beziehungsebene zwischen dir und einer anderen Person zu tun hat und mehr mehr einer Inhalts/Sachebene ein drittes Element betreffend. Zwar glaube ich auch, dass gemeinsames Interesse an Themen uns zusammenbringen kann, aber macht er die Qualität aus, die wir im Austausch mit einer anderen Person wahrnehmen können? Um dich tief ergehend mit einem Thema auseinanderzusetzen brauchst du kein unmittelbares Gegenüber: Da kannst du auch Bücher lesen.

    Was meines Erachtens den Austausch im Gespräch fruchtbar macht, ist so nur zum Teil - und meines Erachtens nicht entscheidend- im Thema verwurzelt, wodurch auch nicht so relevant ist, wie sich mein Gegenüber mit dem Thema auseinandersetzt. Entscheidend finde ich, wie sich mein Gegenüber mit mir und ich mich mit ihm auseinandersetze. Also anders gesagt: Nicht, worüber wir reden, sondern wie wir miteinander reden und dass wir miteinander reden, sofern wir dabei authentisches Interesse daran aufbringen können, jetzt, in diesem Moment die Chance zu haben, eine andere Person kennenzulernen und kennengelernt zu werden. Und was wir sind ist mehr als was uns interessiert - mehr, als was wir zu einem Thema sagen können oder wie reflektiert unser Blick auf einen spezifischen Sachverhalt ist. Ich würde sagen, die Qualität eines Gesprächs hat viel damit zu tun, was mit uns und den anderen passiert. Wie es sich anfühlt, miteinander zu sprechen. Fühlen wir uns wohl? Wenn ja, hat das meines Erachtens primär mit empfundener Resonanz zu tun. Dann merke ich, dass mein Gegenüber etwas in mir auslöst, das mich bereichert und ich umgekehrt bei meinem Gegenüber.

    Da will ich den Bogen zu dem spannend, was ich über Therapie schrieb: Wenn deine Therapeutin und du den Anspruch hättet, sie solle dir etwas Neues über sich sagen bliebe das auf einer rein informellen Sachebene, ebenso, wie wenn in der Therapie primär du immer reflektierter in die Tiefe dich betreffend gehst. Da wird nichts gemeinsam gestaltet und erlebt, sondern du wirst quasi zu einem "Thema", über das man spricht. Das kann sicher auch fruchtbar sein bis zu einem gewissen Grad, aber Resonanz entsteht so vermutlich kaum. Weil wenn du sagst, theoretisch Dinge zu verstehen und sie dennoch wenig Konsequenz nach sich ziehen, drückst du damit auch genau das aus: Es fehlt die Resonanz in dir auf das, was du rational erfasst. Die Informationen sind da, lösen aber nichts aus. Es ließe sich auch sagen es besteht eine Dissonanz zwischen dem, was du intellektuell erfasst und was du fühlst. Die Resonanz herzustellen würde ich als Ziel der Therapie sehen - aber wie soll das gehen, wenn nur über etwas gesprochen wird?

    Vermutlich langweiligen dich viele Interaktionen mit anderen, weil du eben keine Resonanz wahrnimmst. Nicht in dir, nicht im Miteinander. Wenn du mit jemanden Resonanz hast, ist nicht mehr so entscheidend, über was gesprochen wird - jeder Gesprächsinhalt kann dann bereichernd sein. Du hingegen langweilst dich mit vielen Leuten, sie interessieren dich nicht wirklich. Ich nehme an, dass du dennoch ein Bedürfnis nach Resonanz verspürst und wenn du keine wahrnimmst, sogar bewusst provozierst und aneckst, weil du so zumindest eine Reaktion auf dich wahrnehmen kannst, siehst, etwas auszulösen. Und so, wie du dann in Diskussionen vielleicht bewusst provozierst, um zu sehen: "Ich löse etwas aus!", könnte ich mir vorstellen, auch Enttäuschungen in zwischenmenschlichen Kontakten zu provozieren um zu spüren: "Andere lösen etwas in mir aus!". Es ist leider so, dass Schmerz, Frustration und Enttäuschung sich oft intensiver, lauter und deutlicher bemerkbwar machen als ein eher stilles Wohlfühlen und unaufgeregte Akzeptanz. Wenn du von anderen enttäuscht wirst, heißt das immerhin sie langweiligen dich nicht, lassen dich nicht kalt, sind dir nicht mehr gleichgültig.

    Hier hast du dich etwa nach zwei Postings so geäußert, als hätte es diese Postings gar nicht gegeben. Als wäre gar keine Resonanz eingetreten: Dabei schrieben dir zwei Leute. Inzwischen noch mehr. Du fokussierst dabei jedoch nicht darauf, dass man auf dich reagierte, sondern zu wenig auf dich reagiert wurde. Meine Anregung wäre, welchen Gewinn dir so eine Reaktion bringt und meine Idee dazu wäre, dass du die Enttäuschung vielleicht unmittelbarer und leichter wahrnimmst, als andere Gefühle. Vielleicht auch, weil "Enttäuschung" etwas Binäres hat: Entweder bin ich enttäuscht oder bin ich es nicht. Wohlfühlen, sich angenommen zu fühlen und sich selbst anzunehmen bringt vielleicht mehr Grautöne mit: Wie wohl fühle ich mich? Wie sehr nehme ich mich an? Wie sehr kann ich die andere Person trotz meiner Ambivalenzen, Unsicherheiten und Zweifel annehmen? Diese Grautöne können dann fast schon wieder verunsichern, ob überhaupt ein ausreichendes Wohlfühlen, Interesse oder Annehmen da ist. Und dann bringt Enttäuschung mit ihrer Binarität wieder Sicherheit und Klarheit.
    "Das Verliebtsein ist ja nicht mehr als ein psychiatrisches Durchgangsstadium und die zwanghafte Besessenheit von einem Menschen auf Dauer so ungesund wie Kokainkonsum." Um etwas Pepp in Vernunftbeziehungen zu bringen, empfiehlt der deutsche Paartherapeut Arno Retzer den gelegentlichen Einsatz von Wasserpistolen.

  13. #13
    V.I.P. Avatar von gewitter
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    AW: Unsicherheit, Bedürfnisse, Selbst-/Fremdeinschätzung etc.

    was für ein beeindruckender, toller beitrag finessa!
    "Es gibt keine harmlosen Zivilisten."

  14. #14
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    AW: Unsicherheit, Bedürfnisse, Selbst-/Fremdeinschätzung etc.

    Zitat Zitat von gewitter Beitrag anzeigen
    was für ein beeindruckender, toller beitrag finessa!
    wow, ja.

  15. #15
    Member Avatar von ningun
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    AW: Unsicherheit, Bedürfnisse, Selbst-/Fremdeinschätzung etc.

    Ich habe noch nicht alles gelesen, aber ja, finessa läuft mal wieder zu Hochformen an.
    Wie schauts denn mit der Blogidee aus?
    Sonst kann ich gerade nur beitragen, mich zu einigen Teilen gut in deinem Ausgangspost wiederzuerkennen, Tethiy

  16. #16
    Member Avatar von Tammie
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    AW: Unsicherheit, Bedürfnisse, Selbst-/Fremdeinschätzung etc.

    .
    Geändert von Tammie (04.01.2017 um 23:22 Uhr)

  17. #17
    Member Avatar von Tammie
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    AW: Unsicherheit, Bedürfnisse, Selbst-/Fremdeinschätzung etc.

    @ finessa,
    Ich schließe mich den anderen an. Würdest du ein Buch schreiben, ich würde es kaufen

  18. #18
    Member Avatar von Tethys
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    AW: Unsicherheit, Bedürfnisse, Selbst-/Fremdeinschätzung etc.

    Erstmal danke für alle eure Antworten! Finessas Beitrag finde ich auch sehr interessant!
    (Da wir fast zeitgleich gepostet hatten, hoffe ich, dass mein letztes Posting (#11) nicht untergangen ist.)

    Weil nun doch einige Aspekte zusammengekommen sind und es von der Textmenge wohl sonst wieder abartig lang wird, wenn ich auf jeden Beitrag einzeln antworte, schreibe ich jetzt einfach so:

    Ich habe eure Beiträge mehrmals aufmerksam gelesen und seit gestern viel darüber nachgedacht.
    Es stimmt, dass ich sehr wertend und anspruchsvoll bin und dabei auch eine besondere Tendenz hin zum negativen Beurteilen habe. In meiner Familie wurde und wird immer sehr viel gewertet und ich selbst wurde von Kleinauf permanent bewertet, verglichen, kritisiert. Dieses Verhalten habe ich natürlich leider übernommen und ist einer der wichtigsten Gründe für meine Depressionen und mein labiles Selbstwertgefühl. Denn am strengsten bewerte ich mich selbst.

    Meine wertende Perspektive anderen Menschen gegenüber variiert aber sehr je nach Situation. Komplett fremden Menschen gegenüber bin ich oft sehr kritisch und selektiere da stark. Doch wenn ich jemanden gut finde, gebe ich demjenigen direkt viel Vertrauensvorschuss und investiere auch schnell (zu) viel. Ich sehe den Menschen dann sehr positiv/großzügig und bin eher zu wenig kritisch und melde gar keine eigenen Ansprüche an. D.h. dass ich mir dann auch z.B. egoistisches/ausnutzendes Verhalten sehr lange gefallen lasse und Ursachen für etwaige Probleme mit der Person immer eher bei mir verorte. Ich habe sehr viel Verständnis für Schwächen des anderen und bin sehr großzügig und geduldig.

    Im negativen Extremfall heißt das dann auch, dass ich mich über lange Zeit schlecht behandeln und verletzen lasse und keinen aktiven Selbstschutz betreibe. Im positiven Fall heißt es, dass ich eine sehr loyale Freundin bin, die wenig Ansprüche stellt und viel Geduld und Verständnis für Unzulänglichkeiten aufbringt und immer versucht, den anderen zu unterstützen. (Mir ist bewusst, dass es zwischen diesen zwei Polen viele Graustufen gibt, ich beschränke mich jetzt hier bewusst auf die Extreme.)

    Was finessa bzgl. Resonanz etc. geschrieben hat, finde ich in sich sehr schlüssig und interessant, doch trifft es auf mich nur zum Teil zu.
    Ich glaube, meine Darstellung war missverständlich: Ich bin nicht so rational/sachlich und vorrangig am Austausch über Themen interessiert. Das, was ich mir im Austausch mit anderen Menschen wünsche, können Bücher nicht ersetzen, denn ich bin eben an dieser Resonanz interessiert, wenn ich mit Menschen interagiere. Ich suche im Kontakt mit Menschen das, was hinter den Worten liegt, ich suche diese Schwingung, das Mitfühlen, den Kontakt, das Gemeinsame, das Interesse am anderen Menschen.

    Ich spüre diese Resonanz in mir selbst durchaus und das sogar sehr stark! Und ja, dafür ist es total egal, über was geredet wird! Von anderen Menschen spüre ich aber nicht so oft Resonanz (also ich habe das Gefühl, dass andere seltener diese Resonanz in sich selbst spüren). Teils gibt es aber auch immer wieder Situationen, in denen ich meine, diese Resonanz mit anderen gemeinsam empfunden zu haben, und dann aber im Nachhinein enttäuscht bin, weil sich die Person nicht so verhält, als hätte sie das auch so erlebt.

    Aber auch das ist ambivalent: Einerseits empfinde ich die Resonanz in mir sehr stark und suche und will die auch - aber wenn sie dann da ist, überfordert sie mich und ich werde unsicher.
    Denn eins meiner großen Probleme besteht wohl im Bereich Nähe/Distanz. Positive Nähe (und Resonanz schafft Nähe) verunsichert mich und ich habe geradezu Angst vor ihr, auch wenn ich sie mir wünsche. In meiner Kindheit habe ich immer wieder die Erfahrung gemacht, dass Nähe gefährlich ist, dass man sich verletzlich macht und ausliefert.

    Negatives, Konflikt, Enttäuschung, Distanz sind mir viel vertrauter und da "weiß ich, was zu tun ist". Was du (finessa) über Enttäuschung schreibst, trifft somit recht gut auf mich zu. Enttäuschung ist mir bekannt, gibt mir Orientierung und ist "sicherer" als Nähe, denn Nähe beinhaltet ja immer das Risiko, bald verletzt zu werden, während dies in der Enttäuschung schon passiert ist und somit nicht mehr droht. Enttäuschung bestätigt das negative Weltbild und macht alles klar, während positive Nähe ein unbekanntes, unsicheres Terrain ist, von dem ich die Spielregeln nicht kenne.

    Nähe ist aber auch deshalb riskant, weil ich selbst in der Nahsicht womöglich nicht bestehe. Wenn mir mein Gegenüber nahe kommt und ich mich öffne, könnte er sehen, dass ich viel zu unvollkommen bin, um liebenswert zu sein.

    Wie schon erwähnt, variiert mein Sozialverhalten sehr je nach Kontext. Diese Rolle der aneckenden Rebellin nehme ich heute vor allem bei der Arbeit (Mittagspause) ein und früher in der Schule.
    Ich könnte mir auch vorstellen, dass das mit diesem "Zwischenstatus" zusammenhängt, der in solchen Gruppierungen besteht. Also bei der Arbeit bspw. kennt man die Leute, hat regelmäßig mit ihnen zu tun, es gibt eine Form der Nähe, die jedoch trotzdem auch was Distanziertes hat und oft (nicht immer) nur auf eben diesen Kontext beschränkt ist.

    Ich selbst fühle mich in solchen Gruppen oft recht unbestimmt, bin mir über meinen Status nicht im Klaren. Diese Unsicherheit überspiele ich evtl. in gewisser Weise durch meine "toughe" Rolle und gehe mit ihr der Notwendigkeit aus dem Weg, mich ganz persönlich in der Gruppe zu positionieren. Die Rolle gibt mir Orientierung und schafft zugleich eine gewisse schützende Distanz vor allzu persönlicher Nähe. Trotzdem bin ich dann traurig, wenn die Gruppenmitglieder zu mir keine persönliche Bindung haben, während sie untereinander schon verbundener sind.

    Wenn ich mich selbst gerade nicht sehr schützen und abgrenzen muss, fühle ich sogar oft sehr viel Gemeinsamkeit auch mit grundverschiedenen, fremden Menschen (@ tassi). Ich empfinde auch oft sehr viel Mitgefühl mit anderen Personen und ihren Geschichten und spüre eine Verbundenheit im "Menschsein". Vermutlich sogar zu sehr und so intensiv, dass ich mich durch die abgeklärte Fassade davor schützen muss.
    Das und die Angst vor Nähe und die Unsicherheit im Umgang mit dieser ist wohl letztlich zu viel für mich und ich distanziere mich, vermeide, enthalte mich. Dabei wünsche ich mir Nähe und Zugehörigkeit, kann mich aber nicht wirklich darauf einlassen.

    Doch wie kann ich mich vor Verletzungen schützen ohne mich total abzukapseln? Wie kann ich erkennen, welcher Mensch zu respektvoller, wohltuender Nähe fähig ist und wie kann ich diese dann auch "aushalten" bzw. sogar genießen? Ich finde das sehr schwer, denn eigentlich denke ich, Menschen schon aufmerksam zu "prüfen" und gleichzeitig denke ich ja auch, dass ich eigentlich zu streng bin und zu viele "gute" Menschen aussortiere. Wie passt das zusammen? Einerseits müsste ich weniger misstrauisch werden und mehr das Gute sehen und zugleich muss ich aber noch sorgsamer selektieren, damit mir nicht mehr die dysfunktionalen Kandidaten durchrutschen?
    Und dann muss ich auch noch Wege finden, um mich zwar auf Menschen einlassen zu können und Nähe zuzulassen und mich zugleich aber besser selbst zu schützen? Das klingt nach echt schwierigen Aufgaben, wie macht man das?

    tassi, was du zum Thema Vorbilder schreibst, finde ich sehr interessant. Genauso gehts mir nämlich auch, ich hatte in meiner Familie nie positive Vorbilder und fühle mich oft verloren und hätte so gerne funktionale "Regeln" und Prinzipien, an denen ich mich orientieren kann. Ich musste mir das alles komplett alleine erarbeiten und auch wenn ich da schon einiges erreicht habe, fehlt auch noch ganz viel. Und gerade diesen zwischenmenschlichen Bereich finde ich aufgrund seiner Komplexität sehr schwierig.
    Geändert von Tethys (02.01.2017 um 14:47 Uhr) Grund: gekürzt

  19. #19
    Member Avatar von Tethys
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    AW: Unsicherheit, Bedürfnisse, Selbst-/Fremdeinschätzung etc.

    .
    Geändert von Tethys (02.01.2017 um 13:17 Uhr) Grund: gekürzt

  20. #20
    V.I.P. Avatar von finessa
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    AW: Unsicherheit, Bedürfnisse, Selbst-/Fremdeinschätzung etc.

    Tethys, du beschreibst so viele schreckliche Dinge
    Ich spüre da auch sehr viel Not. Es tut mir sehr leid, was du alles erlebt hast

    Es ist inhatlich allerdings so viel, dass ich mich überfordert fühlte, darauf zu antworten, weil ich gar nicht weiß, wo anfangen. Vielleicht schreibe ich später dennoch noch was dazu, aber ich möchte dir auf jeden Fall Rückmeldung dazu geben, wie deine Kommunikation in dem Thread auf mich wirkt, da du als eine Schwierigkeit die Differenz zwischen die Differenz zwischen Selbst - und Fremdeinschätzung benennst und ich bei dir zwar ein hohes Bedürfnis nach Mitteilung sehe (du reizt sogar die maximale Zeilenanzahl aus), du aber wenig in konkreten Austausch trittst. Denn das, was du in deinem langen Posting schriebst, hättest du auch über ein höheres Maß an Austausch machen können.

    So schrieb etwa Lucaa sie habe eine tiefenpsychologische Therapie gemacht, von der sie enttäuscht war und nun überlege eine VT zu beginnen. Du hättest das als Anlass nehmen können, danach zu fragen, was genau ihr fehlte, da du gerade von der tiefenspychologischen profitiertest und ihr Interesse an einer VT als Anlass nehmen können von deiner schlechten Erfahrung zu erzählen. Das wäre nur ein minimaler Unterschied, der aber meiner Meinung nach was ganz anderes erzeugt: Eben Austausch!

    Du hingegen monologisierst und machst es schwer, darauf zu reagieren. Auf mich wirkt es, als würdest du zwar sehr eine Auseinandersetzung mit deinen langen Postings wünschen, deinerseits dich aber wenig mit den Reaktionen in deinen Antworten auseinandersetzt. Indem du wenig konkret auf Reaktionen eingehst, signalisierst du wenig Interesse an Austausch. Signalisierst! Ich sage nicht, dass du es nicht hättest.

    Du schreibst zu Beginn deines Postings zu hoffen, dass es nicht unterging, da es fast zeitgleich mit meinem gepostet wurde - drückst also einen Wunsch nach, dieses Posting möge wahrgenommen werden. Und irgendwie wirkt es auf mich, als ginge es dir bei diesem Thread insgesamt genau darum: Wahrgenommen zu werden. Gesehen zu werden. Warum wirkt das so auf mich? Das erste Mal zeigte es sich für mich an dem, was ich bereits in meinem ersten Posting beschrieb. Und es zeigt sich jetzt, da du nicht konkret auf Postings reagierst, sondern - wie beim Eingangspost- einen sehr langen Text schreibst, bei dem du nur vage auf die Postings im Vorfeld Bezug nimmst. Du schriebst erst, auf gewisse Postings noch zu antworten, hast es dann aber nicht getan. Auf die persönlichen Erlebnisse anderer gingst du kaum ein. Es wird inhaltlich nicht ersichtlich, was genau dein Anliegen an uns ist bzw. was du dir von uns wünscht. Schon im ersten Postings hattest du bemerkt, gar keine konkrete Frage zu haben.

    Wünscht du dir auch Austausch oder reicht es dir aus, dich mitzuteilen?
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