Klappe, bitte!

Schluss mit Stottern, Drucksen und Rotwerden: unsere Autorin Elke trainierte zwei Tage lang ihre Schlagfertigkeit -

"Du bist total verklemmt, Elke", sagt Matthias und grinst. "Klar", antworte ich, "meine Sexidole sind ja auch die Teletubbies!" - "Außerdem hast du Mundgeruch", sagt er. - "Wenn du nicht still bist", drohe ich, "zieh ich gleich noch meine Schuhe aus!" Dann lächeln wir uns an, als hätten wir uns gerade besonders originelle Kosenamen gegeben.

Normalerweise reagiere ich anders, wenn jemand mich attackiert. An guten Tagen rechtfertige ich mich oder schimpfe stotternd etwas Unpassendes zurück. An schlechten Tagen stellt sich mein Hirn tot, mein Mund macht auf Stummfilmstar, und meine Augen analysieren das Teppichmuster. Eines finde ich jedenfalls nicht: eine gute Antwort. Eine, die den Angreifer elegant dazu bringt, die Klappe zu halten.

 
Üben wie eine Fremdsprache

Und weil das so ist, sitze ich jetzt hier, in einem Schlagfertigkeitsseminar, mit Matthias und 13 weiteren Teilnehmern. IT-Fachleute sind darunter, Berater und Praktikanten. Uwe trägt ein T-Shirt in grellem Orange, Robert brüllt gelegentlich Machowitze in die Runde - keiner von uns wirkt, als ließe er sich täglich von Busfahrern oder Kollegen anpampen. Trotzdem haben wir alle schon erlebt, dass uns die Worte fehlten. Oder noch ärgerlicher: dass uns eine halbe Stunde später genau der Satz einfiel, den wir auf eine Gemeinheit gern erwidert hätten. Deshalb sitzen wir nun hier, im Seminarraum eines Nürnberger Hotels, an hellen Holztischen mit moosgrünen Plastikdeckchen - und beschimpfen uns gegenseitig, um schlagfertige Antworten zu üben.

Denn Kontern kann man lernen. Das sagt zumindest Matthias Pöhm, der dieses Seminar leitet. Pöhm ist Rhetoriktrainer, und das merkt man: Immer wieder macht er Kunstpausen, um seine Worte bedeutender wirken zu lassen; boxt beim Reden manchmal in die Luft, stemmt die Hände in die Hüften - und schafft es, dabei auch noch nett zu wirken. Pöhm hat Redner wie Thomas Gottschalk oder Harald Schmidt analysiert und dabei festgestellt: "Schlagfertigkeit funktioniert nach bestimmten Regeln. Und schlagfertige Menschen wenden diese Gesetze unbewusst an." Wir dagegen müssen die Regeln üben, bis sie sitzen, wieder und wieder. Wie die Grammatik einer Fremdsprache.

 
Verteidigung ist die schlechteste Verteidigung

Pöhm grinst, fixiert uns der Reihe nach. Sucht ein Opfer. Findet mich: "Frau Michel", sagt er. "Ihre Haare sind fettig." Stille. Alle schauen mich an. Eine Antwort muss her. Schnell. Sofort! Sei originell! Im Grunde hätte ich längst antworten müssen - zu viele Sekunden sind schon verstrichen. Doch alles, was mir einfällt, ist, dass Pöhm sogar Recht haben könnte. "Mein Gott, ich hatte halt keine Zeit zum Haarewaschen", sage ich schließlich mit viel zu dünner Stimme. "Wenn Sie sich verteidigen, haben Sie schon verloren", unterbricht mich der Trainer. "Denn damit akzeptieren Sie die Werteordnung des Angreifers."

Wenn in Zukunft jemand eine unserer Schwächen kommentiert, sollen wir nicht widersprechen oder uns rechtfertigen, sondern selbstbewusst zustimmen. "Du bist dick." - "Wow, das hast du aber gut beobachtet!" Und wer kann, setzt sogar noch eine absurde Übertreibung obendrauf: "Mein Gott, du wirst aber schnell rot." - "Genau. Mein Papa ist ein Bremslicht!" Voraussetzung für diese Technik: Der Vorwurf darf keine Wertung enthalten. Auf "Du blöde Pissnelke!" sagt man natürlich nicht: "Stimmt, du hast es erfasst!" Hier antwortet man besser mit einer Frage - bittet zum Beispiel um eine Definition: "Was meinst du genau mit 'Pissnelke'?"

 
              
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