Sicherheit
Sicher nach Hause kommen - mit dem "Heimwegtelefon"

Eine super Sache: Wer nachts sicher nach Hause kommen will, kann das "Heimwegtelefon" anrufen. Wir haben mit den Mädels gesprochen, die hinter der Idee stecken.

Foto: iStock/Thinkstock

Warum ist es nur so verdammt weit bis zur U-Bahn? Es ist spät geworden auf der Party. Auf dem Weg nach Hause fühlt es sich an, als würde sie beobachtet. Sie sieht sich immer wieder um, lauscht: Sind das Schritte hinter ihr? Als ihr ein Mann entgegenkommt, wechselt sie die Straßenseite, beschleunigt den Schritt.

Viele Frauen kennen Situationen wie diese - auch Frances Berger und Anabell Schuchhardt aus Berlin. Deshalb haben sie das "Heimwegtelefon" gestartet: eine Telefon-Hotline gegen das mulmige Gefühl, wenn man nachts allein unterwegs ist.

Das "Heimwegtelefon"

Die Nummer des "Heimwegtelefons": 030 - 120 74 182, erreichbar freitags und samstags von 22 bis 2 Uhr.



Bei Betterplace.org kann man das "Heimwegtelefon" mit Spenden unterstützen.



Wer ehrenamtlich beim "Heimwegtelefon" mitarbeiten will, schreibt an helfen@heimwegtelefon.de.



Mehr Infos unter www.heimwegtelefon.de

"Das Heimwegtelefon bringt dich nachts sicher nach Hause!", lautet ihr Versprechen. Und so funktioniert's: Die Anruferinnen - meist sind es junge Frauen - sagen, wo sie sind und wohin sie gehen. Berger und Schuchhardt unterhalten sich mit ihnen, bis sie zu Hause sind. Das soll mögliche Täter abschrecken, schließlich könnte im Fall eines Überfalls die Person am anderen Ende der Leitung mithören.

Müssen wir in Deutschland wirklich so viel Angst vor Straßenräubern oder sexuellen Gewalttätern haben, dass wir ein Angebot wie das "Heimwegtelefon" brauchen? "Es geht gar nicht mal unbedingt um die konkrete Angst, dass mich jemand ins nächste Gebüsch ziehen könnte. Ich fühle mich einfach unwohl, weil es dunkel ist und ich allein bin", sagt Schuchhardt. "Nachts begegnen einem manchmal komische Leute. Manche stört es nicht, wenn ihnen angetrunkene Kerle entgegenkommen. Andere sind nicht so selbstbewusst." Wenn sie mit jemandem reden, fühlen sich die Anruferinnen sicherer - und treten auch so auf. Womöglich hält auch das Angreifer auf Distanz.

Freitags und samstags sitzen sie am Telefon

Bisher sitzen Frances Berger und Anabell Schuchhardt allein am Telefon, freitags und samstags von 22 bis 2 Uhr. "Wir wollen das Angebot ausbauen, länger erreichbar sein, und hoffentlich auch jede Nacht. Aber dafür brauchen wir mehr Leute", sagt Berger. Da das "Heimwegtelefon" eine kostenlose Callcenter-Software nutzt, können ehrenamtliche Helfer aus ganz Deutschland mitmachen - man braucht nur einen Computer und eine gute Internetverbindung. Einige Freiwillige haben sich schon gemeldet. Aber die müssen sorgfältig ausgesucht und eingearbeitet werden, schließlich sollen die Anruferinnen unter der Nummer des "Heimwegtelefons" nur absolut vertrauenswürdige Gesprächspartner erreichen.

Die Macherinnen des "Heimwegtelefons": Frances Berger (links) und Anabell Schuchhardt

Die Macherinnen des "Heimwegtelefons": Frances Berger (links) und Anabell Schuchhardt

Foto: Frances-Photography

Einen ähnlichen Service wie das "Heimwegtelefon" gibt es auch in Schweden, allerdings betrieben von der Polizei. Schon vor zwei Jahren hatten die beiden Frauen die Idee, eine solche Hotline auch in Deutschland einzurichten. Über die Spendenplattform Betterplace.org begannen sie Geld für die Gründung zu sammeln. Richtig in Schwung kam die Spendensammlung allerdings nicht.

Wir müssen bekannter werden, beschlossen Berger und Schuchhardt - und starteten Ende Dezember eine zweiwöchige Testphase. Am ersten Abend rief niemand an. Aber Berliner Medien begannen, sich für das Projekt zu interessieren. Seit die ersten Berichte erschienen sind, wählen zwei bis drei Anrufer die Nummer des Heimwegtelefons - jede Nacht, wenn Berger und Schuchhardt Bereitschaft haben. "Und das wird ganz sicher noch zunehmen", sagt Schuchhardt. Denn das "Heimwegtelefon" macht weiter: Aus der Testphase wurde ein Dauerbetrieb - auch wenn immer noch 495 Euro an Spenden fehlen.

Es geht um Partys, Kochrezepte und den Mauerfall

Und worüber redet man danach nachts mit völlig Fremden? "Die erste Frage ist immer, wo kommst du her, wo gehst du hin?", sagt Berger. Zwar ist bisher keinem Anrufer etwas passiert, bei einem Überfall wären die Informationen aber wichtig, um die Polizei informieren zu können.

Daran lässt sich leicht ein Gespräch anknüpfen: Wie war der Abend? Aber auch über Kochrezepte wird gesprochen oder übers Segeln. "Letztes Wochenende habe ich am Telefon mit jemanden über den Mauerfall geredet", erzählt Berger. Zwischen zehn und zwanzig Minuten dauern die Gespräche im Schnitt. "Immer wieder entschuldigen sich Anruferinnen dafür, dass sie uns so lange aufhalten. Denen müssen wir erst einmal erklären: Wir sind wirklich dazu da, mit euch zu telefonieren", sagt Schuchhardt. "Und wir freuen uns über jeden Anruf."

  • Artikel vom 19.01.2014
    Text: Angelika Unger
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