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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Menschliche Auswirkungen der Krise



mixy
17.12.2012, 17:05
Was denkt Ihr über die Auswirkungen der Krise auf Menschen und Grundinfrastruktur, wie sie im Artikel unten beschrieben sind? Heftig, wie schnell und vorallem wie weit es sogar bei einem europäischen Land nach unten gehen kann. Nagut, bei uns als drittgrösste Wirtschaftsmacht würde das nicht so ablaufen. Aber meint Ihr, dass es auch in nordeuropäischen Ländern so weit kommen kann?

Bei Griechenland sieht man ja, dass neben Grundinfrastruktur gerade auch Zusammenhalt und psychisches Überleben kritische Faktoren sind, zurechtzukommen. Sehr ähnlich wie frühere Bürgerkriegsszenarien (Kosovo, etc.) nur natürlich weniger schlimm. Und was meint Ihr, wie SOLLTEN die Leute in den Ländern eigentlich reagieren?

Krise in Griechenland - Eine Gesellschaft stürzt ins Bodenlose (http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/krise-in-griechenland-eine-gesellschaft-stuerzt-ins-bodenlose-11992352.html)



Georg Pieper machte sich keine Illusion, als er nach Athen fuhr. Aber was der Traumatherapeut dort sah, hat die schlimmsten Befürchtungen übertroffen: Die griechische Gesellschaft explodiert unter dem Druck der Krise.

(...)Georg Pieper neigt nicht zum Verdrängen. Griechenland sah im Oktober 2012 für ihn folgendermaßen aus: Hochschwangere Frauen eilen bettelnd von Krankenhaus zu Krankenhaus, doch weil sie weder eine Krankenversicherung noch genügend Geld haben, will niemand ihnen helfen, ihr Kind zur Welt zu bringen. Menschen, die noch vor kurzem zur Mittelschicht zählten, sammeln in einem Athener Vorort Obst- und Gemüsereste von der Straße, Junge, Alte, Kinder, während neben ihnen die Marktstände abgebaut werden. Auf das Essen haben es allerdings auch die Tauben abgesehen.

Ein alter Mann erzählt einem Reporter, dass er sich die Medikamente gegen seine Herzbeschwerden nicht mehr leisten kann. Seine Rente wurde wie die Rente vieler anderer um die Hälfte gekürzt. Mehr als vierzig Jahre hat er gearbeitet, er dachte, er habe alles richtig gemacht, jetzt versteht er die Welt nicht mehr. Wer in ein Krankenhaus geht, muss seine eigene Bettwäsche mitbringen, ebenso sein Essen. Seit das Putzpersonal entlassen wurde, putzen Ärzte, Schwestern und Pfleger, die seit Monaten kein Gehalt mehr bezogen haben, die Toiletten. Es fehlt an Einweghandschuhen und Kathetern. Die Europäische Union warnt angesichts der teilweise verheerenden hygienischen Bedingungen vor der Gefahr einer Ausbreitung von Infektionskrankheiten.

Ganze Wohnblocks sind mittlerweile aus finanziellen Gründen von der Öllieferung abgeschnitten. Damit die Menschen im Winter nicht frierend in ihren Wohnungen hocken müssen, beheizen sie diese mit kleinen Öfen. Das Holz dafür schlagen sie illegal. Im Frühling dieses Jahres hat sich ein siebenundsiebzigjähriger Mann vor dem Parlament in Athen erschossen. Kurz vor seiner Tat soll er gerufen haben: „So hinterlasse ich meinen Kindern keine Schulden.“ Die Selbstmordrate hat sich in den vergangenen drei Jahren verdoppelt.
(...)

Admon
18.12.2012, 14:16
Die Menschen dort können einem nur leidtun. Imho sollten sich die Leute da unten zusammentun und dem Küngel den Garaus machen. Jeder, der Steuern hinterzog und hinterzieht Dingfest machen (was ja nur ansatzweise geschieht mit öffentlichen Listen) und ihre Einstellung zu Vetternwirtschaft und gesellschaftlichen Fliehkräften überdenken.

Laut eines Berichts, den ich vor einiger Zeit las, könnte Griechenland mit hinterzogenen Steuermilliarden Juliustürme bauen.

Ich empfinde es nebenbei trotzdem so, dass man dem Elend vor unserer europäischen Haustür mit – man muss es ja laut FAZ-Bericht so sagen, es geht ja nicht mehr um Veruntreuungen im Straßenbau – humanitärer Hilfe entgegentritt.

Ich glaube aber, und damit werde ich mir Feinde machen, dass wie Hagen Rether sagt (und ich auf Griechenland beziehe) ein Mentalitätsproblem vorliegt: bescheißen, wo es nur geht.
Besonders deutlich wird das daran, dass griechische Politiker jetzt wieder Staatsanleihen zurückkaufen und somit Schulden verkaufen. Das ist ein funktionierender, aber fragwürdiger Trick.

Das Frappierende daran, finde ich aber, ist nicht der Trick an sich, sondern die Lernresistenz. Noch bevor bekannt wurde, wie sehr Griechenland im Schlammassel steckt, haben sich griechische Regierung und Unternehmensberater (ich meine, es war Fitch?) zusammengesetzt um gemeinsam Bilanzierungstricks hervorzubringen, die Einnahmen aus künftigen Steuerjahren in den damalig aktuellen Haushalt einbezogen.

In Griechenland, so scheint mir, arbeitetet jeder in die eigene Tasche (ob nun aus Misstrauen gegenüber der Gesellschaft oder reiner Profitgier). Wenn Bauern dicke Schlitten fahren und EU-Subventionen für industriellen Ausbau ohne Zwischenstopp in der eigenen Tasche landen ohne, dass es jemanden stört, ist das nicht nur ein Problem einer Elite.

Nicht, dass man sich nicht hierzulande ebenfalls an die Nase fassen muss … hier fahren Bauern, die Subventionen für nichts erhalten ebenfalls Mercedes, nur in Griechenland konnte man sich das Ausmaß an Misswirtschaft und Betrug nicht leisten – mit bekannten Folgen.

mixy
18.12.2012, 17:23
Die Problematik des Bescheissens ist insgesamt gesehen sicher nicht unwahr (Korruptionsrating und so), aber nicht das alleinige Grundproblem, weil die Menschheit insgesamt seit tausenden Jahren bescheisst, wo es geht :D Korruption ist eigentlich nur richtig effizient (und für die Volkswirtschaft schädlich), wenn man schon viel Kapital hat, und geht noch viel besser mit den richtigen Verbindungen (Banken, Regierungen, grosse Institutionen/Konzerne, die ihrerseits wieder Verbindungen zu den ersteren haben). Bezüglich Korruption als Hauptfaktor auf die nicht gehobene Mittelschicht und drunter zu hauen, von Sozialleistungsmissbrauch bis Steuerhinterziehung ist ja vorallem für Trolle und grössere Medienkonzerne von Bedeutung ;)

Echt interessant fände ich halt persönliche Einschätzungen der Zukunft und Handlungsvorschläge, allgemein und auch für solche Länder. Die allgemeinste richtige Strategie wäre da, sich als einzelner Mensch auf echte langfristige Werte zu konzentrieren, und diese natürlich richtig einschätzen zu können; Im Hinblick darauf, wofür man sein Geld ausgibt bzw. investiert, und auch dabei, wie man sein Leben sonst so gestaltet (von Freundschaften bis zur eigenen Arbeit und langfristigen Planung).

Admon
18.12.2012, 17:37
Bezüglich Korruption als Hauptfaktor auf die nicht gehobene Mittelschicht und drunter zu hauen, von Sozialleistungsmissbrauch bis Steuerhinterziehung ist ja vorallem für Trolle und grössere Medienkonzerne von Bedeutung ;)

Du findest also Betrügereien okay, solange man nur keine Kohle hat? Irgendwie armselig. Troll hin, Medienkonzerne her.

Das ist die selbe süffisante Einstellung mit der man begründet, warum das Urheberrecht überflüssig sei: Besitzstandswahrung und Rechtfertigung der eigenen Lebensverhältnisse.

Vor kurzem schrieb ich über die Feigheit der hiesigen Zeitungen Bezahlmodelle einzuführen. Heute kann ich unter anderem die Welt nicht mehr lesen, weil sie (richtiger- und mutigerweise) dem Journalismus Zukunft bieten und sich dem amerikanischen Bezahlmodell anschließt.

Das ist ärgerlich für mich und ich muss zurückstecken, aber ich fange deswegen jetzt nicht an zu lamentieren, dass „Medienkonzerne & Trolle“ die Freheit der westlichen Hemisphäre bedrohen und die soziale Spaltung vorantreiben.

Ich raubkopiere auch, aber Gottverdammt, ich gebe es zu und erzähl keine Scheiße von der Überholung von Urheberrecht. Hallo Realität.

Aber genau hier beginnt das, was Rether als Mentalitätsproblem beschreibt. Irgendwoher, auch aus der Mitte der Gesellschaft, kommen Habgier, Selbstgerechtigkeit und soziale Kälte. Vor der eigenen Tür zu kehren, auch und gerade in Deutschland täte gut.