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Thema: Bezahlter Sex

  1. Ureinwohnerin Avatar von phaenomenal
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    AW: Bezahlter Sex

    Zitat Zitat von finessa Beitrag anzeigen
    Den Satz verstehe etwa ich nicht. Zum Einen nicht, was du in dem Kontext mit "strukturalistisch" meinst
    das:
    Zitat Zitat von Hippiekind Beitrag anzeigen
    Wenn man es rein strukturell betrachtet,
    Zitat Zitat von finessa Beitrag anzeigen
    und zum Anderen, inwiefern das ein Gegensatz zu "in Zwischentönen" sein soll.
    Sich eben mal mit der Frage zu beschäftigen, was das eigentlich heißt, über den eigenen Körper verfügen zu können. Zum Beispiel.
    „Wir müssen unbedingt Raum für Zweifel lassen, sonst gibt es keinen Fortschritt, kein Dazulernen. Man kann nichts Neues herausfinden, wenn man nicht vorher eine Frage stellt. Und um zu fragen, bedarf es des Zweifelns.“ R. P. Feynman

  2. Enthusiast
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    AW: Bezahlter Sex

    "RACHEL MORAN; PAID FOR". Dieses Buch würde ich nicht als Quelle der absoluten Wahrheit und Erkenntnis bezeichnen. Was nicht unbedingt heisst, das sie von dem, was sie schreibt, nicht selbst überzeugt ist.

  3. V.I.P. Avatar von finessa
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    AW: Bezahlter Sex

    @phaenomenal, gesellschaftliche Strukturen zu betrachten würde ich nicht mit "strukturalistsich" umschreiben, weil damit eine sehr spezifische Denkrichtung umschrieben wird. Aber selbst, wenn du es zur Beschreibung von Gesellschaftsstrukturen verwendest, ist deine Wortwahl mit den Zwischentönen nicht ersichtlich machend, worum es dir geht. Mir kommt vor, du überspringst beim Aufschrieben manchmal Gedankenschritte auszuformulieren und dadurch wird es für Leserinnen teilweise tatsächlich unklar.
    "Das Verliebtsein ist ja nicht mehr als ein psychiatrisches Durchgangsstadium und die zwanghafte Besessenheit von einem Menschen auf Dauer so ungesund wie Kokainkonsum." Um etwas Pepp in Vernunftbeziehungen zu bringen, empfiehlt der deutsche Paartherapeut Arno Retzer den gelegentlichen Einsatz von Wasserpistolen.

  4. gesperrt Avatar von KloHans
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    AW: Bezahlter Sex

    ich finde nicht, dass dieses problem so einfach zu lösen ist.

    auf der einen seite steht die überzeugung, dass menschen fundamental frei sein müssen in ihren entscheidungen. je weniger sich fremde heinis (egal welcher couleur) in meine angelegenheiten einmischen dürfen, desto besser.

    auf der anderen seite die berechtigte kritik, dass diese entscheidungen strukturell bedingt eben nicht zwingend frei sind, häufig sind sie sogar das gegenteil davon.

    ich kann hier z.b. das rad der freiheit beliebig weiterdrehen: was ist mit menschen, die sich vollkommen freiwillig und juristisch abgesichert amputieren, verstümmeln oder umbringen lassen wollen gegen geld für ihre familien? was ist mit menschen, die ihr leben vollkommen freiwillig als entrechteter sklaver einer anderen person verbringen wollen? an welchem punkt fängt der erwartungswert an, sich für die gesellschaft als solche spürbar negativ auszuwirken?

    umgekehrt könnte ich auch das korsett des zwangs beliebig weiterspinnen. das ginge dann stark in die richtung von berufsverboten für cheerleader, stripper etc..

    ich finde, dass jede gesellschaft solche themen ständig im rahmen ihrer eigenen möglichkeiten für sich klären und beantworten muss und ich bin tendenziell auf der seite derer, denen die theoretische freiheit wichtiger ist als die folgen von missbrauch und fehlkalkulation. ich erkenne aber definitiv an, dass es grenzen geben muss, sonst hätten wir hier schon morgen kämpfe um leben und tod im fernsehen und organhandel an der nächsten straßenecke. es ist wichtig, immer wieder über diese grenzen zu diskutieren.

    tldr: ich sehe nicht, wie man sich zu diesem thema ohne jeden vorbehalt einseitig positionieren kann.

  5. Ureinwohnerin Avatar von phaenomenal
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    AW: Bezahlter Sex

    Zitat Zitat von finessa Beitrag anzeigen
    @phaenomenal, gesellschaftliche Strukturen zu betrachten würde ich nicht mit "strukturalistsich" umschreiben, weil damit eine sehr spezifische Denkrichtung umschrieben wird. Aber selbst, wenn du es zur Beschreibung von Gesellschaftsstrukturen verwendest, ist deine Wortwahl mit den Zwischentönen nicht ersichtlich machend, worum es dir geht. Mir kommt vor, du überspringst beim Aufschrieben manchmal Gedankenschritte auszuformulieren und dadurch wird es für Leserinnen teilweise tatsächlich unklar.
    Ähm, dann verstehe ich nicht, was du unter dem Begriff Strukturalismus verstehst. Ich kenne den Begriff aus Literatur und meinem Studium als Methode, gesellschaftliche wie auch andere Strukturen zu beschreiben.
    Mir geht es einfach nur um eine differenziertere Betrachtung, die auch Sonderfälle nicht außen vor lässt und einzelne Begriffe näher beleuchtet (wie du das ja auch mit dem Begriff der Sexarbeit gemacht hast).
    Ich denke, es fällt hier im Forum vor allem schwer, alle Beiträge zusammen zu lesen, und sich nicht nur auf den jeweils letzten Post einer Person zu beziehen. Außerdem lesen viele Leute hier die Sachen nicht wertneutral und genau und regen sich dann schnell auf, sobald sie auf etwas vermeintliches stoßen, was ihre Meinung nicht wiederspiegelt.
    „Wir müssen unbedingt Raum für Zweifel lassen, sonst gibt es keinen Fortschritt, kein Dazulernen. Man kann nichts Neues herausfinden, wenn man nicht vorher eine Frage stellt. Und um zu fragen, bedarf es des Zweifelns.“ R. P. Feynman

  6. V.I.P. Avatar von finessa
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    AW: Bezahlter Sex

    phaenomenal, es werden hier viele Dinge bewusst nicht wertneutral verfasst, weil es meist um Meinungsaustausch geht - sprich (vermeintliche) Wertneutralität muss keine Rolle spielen.

    Natürlich befasst sich Strukturalismus mit der Beschreibung vom Strukturen, aber das ist ein Begriff, der in fachspezifische Diskussionen unter Geistes - und Sozialwissenschaftler_innen gehört und nicht kontextlos in eine allgemeine Diskussion über strukturellen Sexismus. Etwas "strukturell" zu betrachten ist nicht synonym durch "strukturalistsich" zu ersetzen - dazu sind die Prämissen (etwa über Sprache bzw. generell Zeichensysteme und die Repräsentation symbolischer Ordnung) strukturalistsicher Analyse zu spezifisch, um allgemein verwendet zu werden (auch innerhalb strukturalistischer Strömungen gibt es da ja durchaus Unterschiede).
    "Das Verliebtsein ist ja nicht mehr als ein psychiatrisches Durchgangsstadium und die zwanghafte Besessenheit von einem Menschen auf Dauer so ungesund wie Kokainkonsum." Um etwas Pepp in Vernunftbeziehungen zu bringen, empfiehlt der deutsche Paartherapeut Arno Retzer den gelegentlichen Einsatz von Wasserpistolen.

  7. Regular Client Avatar von Hippiekind
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    AW: Bezahlter Sex

    Boah, phaeno. Strukturell ungleich strukturalistisch. Aber ich soll mein "Hirn einschalten", ist klar - bevor hier von oben herab rumgepampt wird, sollten Begrifflichkeiten klar sein. Legste doch immer so großen Wert drauf. Eigene Nase und so.

    Und nö, ich sehe es nicht ein, hier "wertneutral" zu diskutieren aus genannten Gründen, und JA, ich hab 'ne gefestigte Meinung zu Prostitution, die ich mir auch nicht von jemandem, der unsinnig argumentiert (s. mein vorheriger Post) und zudem noch dumm rumfrotzelt, wenn man sie auf Argumentationsfehler hinweist, abgraben lassen muss. So einfach ist das.
    "Wäre es nicht schön, wenn der Frankfurter Zoo ein Wombat-Pärchen erwerben könnte?
    Ich kann mich an diese freundlichen und rundlichen Tiere mit viel Identifikation aus meiner Kindheit
    erinnern und wäre sehr froh, wenn ich sie wiedersehen dürfte. [...]
    Und schließlich, wie steht es mit den Zwergnilpferden, die es einmal in Berlin gab?"

    (T. W. Adorno, Brief an den Frankfurter Zoodirektor Bernhard Grzimek vom 23.04.1965)

  8. Junior Member
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    AW: Bezahlter Sex

    Hier ist auch noch mal eine gute Übersicht, warum "Sexarbeit" ein verharmlosender Begriff für Prostitution ist.

    Edit: Sag mal Phaeno, warst du zufällig bei der Feministischen Sommeruni an der HU im September?
    Geändert von Endorfine (06.11.2018 um 19:13 Uhr)

  9. Urgestein
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    AW: Bezahlter Sex

    Mich würde zum einen nochmal interessieren wie eure Einstellung dazu wäre, wenn man davon ausginge, dass es tatsächlich auf freiwilliger Basis passiert, was ja bei diversen Eskortservices eventuell tatsächlich auch so sein könnte. Fändet ihr es dann ok? Oder verurteilt ihr generell den Fakt für Sex zu bezahlen? (weil ihr es z.B. einfach generell nicht versteht für körperlichkeiten und nähe zu bezahlen, weil ihr euch davor ekelt, weil ihr generell sex ohne liebe nicht mögt, oder oder oder)

    Und zum anderen würde ich den Blick gerne nochmal auf diejenigen richten, die genau diese Dienstleistung in Anspruch nehmen. Was für Menschen sind es eurer Meinung nach, die das tun? Was glaubt ihr welche Motivation dahinter steckt? Wie denkt ihr darüber?

    Und in Anbetracht der kursierenden Prozentzahlen...wie würdet ihr reagieren, wenn ihr von jemandem aus eurem nahen Umfeld erfahrt, der die Dienste von Prostituierten in Anspruch nimmt. Also z.B,. euer Partner, oder bester Freund, oder Schwager, oder Bruder oder oder oder...würde das eure Meinung über die Person ändern?
    Geändert von Sternchen8 (06.11.2018 um 20:52 Uhr)

  10. Junior Member Avatar von aloha_namaste
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    AW: Bezahlter Sex

    Zitat Zitat von Sternchen8 Beitrag anzeigen
    Mich würde zum einen nochmal interessieren wie eure Einstellung dazu wäre, wenn man davon ausginge, dass es tatsächlich auf freiwilliger Basis passiert, was ja bei diversen Eskortservices eventuell tatsächlich auch so sein könnte. Fändet ihr es dann ok? Oder verurteilt ihr generell den Fakt für Sex zu bezahlen? (weil ihr es z.B. einfach generell nicht versteht für körperlichkeiten und nähe zu bezahlen, weil ihr euch davor ekelt, weil ihr generell sex ohne liebe nicht mögt, oder oder oder)

    Und zum anderen würde ich den Blick gerne nochmal auf diejenigen richten, die genau diese Dienstleistung in Anspruch nehmen. Was für Menschen sind es eurer Meinung nach, die das tun? Was glaubt ihr welche Motivation dahinter steckt? Wie denkt ihr darüber?

    Und in Anbetracht der kursierenden Prozentzahlen...wie würdet ihr reagieren, wenn ihr von jemandem aus eurem nahen Umfeld erfahrt, der die Dienste von Prostituierten in Anspruch nimmt. Also z.B,. euer Partner, oder bester Freund, oder Schwager, oder Bruder oder oder oder...würde das eure Meinung über die Person ändern?
    Ich hab mich mal eine Zeit lang mit verschiedenen Freier-Studien beschäftigt, da mich beim Thema Prostitution auch die Nachfrageseite bzw. die Motivlage dieser Nachfrage sehr interessiert hat (beschränkt auf die männlichen, heterosexuellen Sexkäufer).

    Sex ist ja im Idealfall das Ergebnis gelungener zwischenmenschlicher Kommunikation, wie auch immer diese dann im Einzelfall aussieht, also sei es Datingphase mit eingehenderem Kennenlernen oder kurzer Flirt mit (größtenteils) nonverbalem Signalisieren von gegenseitigem sexuellem Interesse aneinander o.ä.
    Durch die Nutzung von Prostitution wird genau dieser Schritt übersprungen und damit ausgeblendet, dass der andere bzw. der oder die Prostituierte eine ganzheitliche Person mit eigener Sexualität ist. Es wird nicht nur die sexuelle Handlung an sich gekauft, sondern auch das Auslassen der vorhergehenden zwischenmenschlichen Kommunikation und Übereinkunft. Oder man erkauft zumindest, dass die sich prostituierende Person diese gelungene Kommunikation vorspielt, wie etwa auch bei einem high class escort, wo man vllt vor den sexuellen Handlungen noch chic essen geht und Konversation macht.

    In den Freier-Studien, mit denen ich mich bisher befasst habe, wird das jedenfalls als einer der Hauptgründe von Sexkäufern für das Nutzen von Prostitution angegeben: dass das Bezahlen eben den unmittelbaren Zugang zu Sex verschafft, ohne sich vorher groß mit der anderen Person als Mensch und ihrer Sexualität bzw. den sexuellen Wünschen des Gegenübers auseinandersetzen zu müssen, also eben eine reine Ich-Zentriertheit im Interaktionsgeschehen und eine Entbindung von sozialen Interaktionsnormen ausleben zu können.

    Am übersichtlichsten zu der Thematik fand ich "Comparing sex buyers with men who don't buy sex" von Melissa Farley et. al.
    Darin werden als weitere Gründe für das Kaufen von Sex angeführt:

    - der Wunsch nach Ausagieren von neurotischen Konflikten, etwa in Form von speziellen sexuellen Wünschen (die man den "guten Frauen", also (Ehe-)Partnerin oder Frauen außerhalb der Prostitution nicht zumuten kann oder will)
    - das Erleben eines Macht- und Kontrollgefühls
    - als kompensatorische Handlung (also anstatt sich mit frustrierenden Erlebnissen oder Situationen aus dem Alltagsleben auseinanderzusetzen wird der Frust auf eine sexualsierte und damit eine mit dem männlichen Selbstbild zu vereinbarende Ebene verlagert und durch die sexuelle Handlung mit einer Prostituierten ausagiert)
    - zur Bestätigung/ Erneuerung eines patriarchal geprägten männlichen Selbstbilds/Egos

    "The lack of empathy exhibited by sex buyers is associated with their objectification of women in prostitution, which are both cause and result of men's use of women in prostitution. The interviews provided much evidence of sex buyers' emotional and sexual disconnections, their lack of interest in the emotional state or well being of the prostituted person, and the profound objectification that was a core element in their buying sex. [...] As clearly illustrated in these accounts of sex buyers, the prostituted are disappeared as fully human, because only then can she provide the servitude the sex buyer seeks. He seeks her subordination to his wishes, to turn her into his masturbation fantasy by depersonalizing her [...]." (Melissa Farley et. al., 2011, S. 28 und 39.)

    Auch in der deutschsprachigen Studie "Die Produktion des Freiers" von Udo Gerheim (2012) werden Ich-Zentrierung, eine projektive, objektifierende Haltung in Bezug auf Frauen in (und auch außerhalb) der Prostitution und geschlechtshabituelle Strukturen (z. B. Dominanz-Disposition, Verknüpfung von -käuflichem- Sex mit männlicher Identität, Anspruchsdenken in Bezug auf Frauen/Frauenkörper/Sex) als Gründe für Sexkauf angeführt.

    Daher ja, es verändert mein Bild von einem Mann, wenn ich erfahre, dass er käuflichen Sex in Anspruch nimmt, genommen hat oder diese Praxis gutheißt, da ich damit nicht nur ein sehr problematisches Frauenbild, sondern auch einen sehr problematischen Umgang mit sich selbst, der männlichen Geschlechtsidentität und der eigenen Sexualität verbinde.
    Bei potentiellen Partnern oder platonischen männlichen Freunden klappere ich das Thema daher auch meist recht frühzeitig ab.
    Geändert von aloha_namaste (07.11.2018 um 00:58 Uhr)

  11. Enthusiast Avatar von wunder
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    AW: Bezahlter Sex

    Übrigens finde ich gruselig, dass der Thread bei "Gefühle" steht. Für mich ist bezahlter Sex einfach total gefühlskalt. Sex als Leistung. Sex gegen Finanzen.

  12. Ureinwohnerin Avatar von phaenomenal
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    AW: Bezahlter Sex

    Zitat Zitat von finessa Beitrag anzeigen
    Natürlich befasst sich Strukturalismus mit der Beschreibung vom Strukturen, aber das ist ein Begriff, der in fachspezifische Diskussionen unter Geistes - und Sozialwissenschaftler_innen gehört und nicht kontextlos in eine allgemeine Diskussion über strukturellen Sexismus.
    Entschuldige, aber: was für ein Schwachsinn. An dieser Stelle bin ich jetzt hier raus.
    „Wir müssen unbedingt Raum für Zweifel lassen, sonst gibt es keinen Fortschritt, kein Dazulernen. Man kann nichts Neues herausfinden, wenn man nicht vorher eine Frage stellt. Und um zu fragen, bedarf es des Zweifelns.“ R. P. Feynman

  13. V.I.P. Avatar von finessa
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    AW: Bezahlter Sex

    Zitat Zitat von aloha_namaste Beitrag anzeigen
    In den Freier-Studien, mit denen ich mich bisher befasst habe, wird das jedenfalls als einer der Hauptgründe von Sexkäufern für das Nutzen von Prostitution angegeben: dass das Bezahlen eben den unmittelbaren Zugang zu Sex verschafft, ohne sich vorher groß mit der anderen Person als Mensch und ihrer Sexualität bzw. den sexuellen Wünschen des Gegenübers auseinandersetzen zu müssen, also eben eine reine Ich-Zentriertheit im Interaktionsgeschehen und eine Entbindung von sozialen Interaktionsnormen ausleben zu können.
    Sehr wichtiger Punkt!

    Ich finde es ja immer wieder spannend, wie wenig in Diskussionen über Prostitution die Seite der Freier problematisiert wird - gerade auch im deutschsprachigen Raum. Daher danke für dein ausführliches Posting dazu. Die von dir angeführten Gründe sind für mich sehr entscheidend dafür Prostitution grundsätzlich abzulehnen - auch, wenn sie freiwillig erfolgt.

    Das war bei mir allerdings nicht immer so - ich habe tatsächlich lange Zeit Sexarbeit befürwortet und mich sogar explizit dafür ausgesprochen :-/

    Wie ist das bei euch? Hat sich eure Sicht im Laufe der Zeit verändert? Ich bin
    positiv überrascht, wie viele sich hier gegen Prostitution aussprechen, da in meinem Umfeld eher Personen überwiegen, die pro Sexarbeit eingestellt sind und gerade unter Feministinnen fühle ich mich mit meiner Sicht häufig allein und wurde sogar schon offen deswegen angefeindet.
    "Das Verliebtsein ist ja nicht mehr als ein psychiatrisches Durchgangsstadium und die zwanghafte Besessenheit von einem Menschen auf Dauer so ungesund wie Kokainkonsum." Um etwas Pepp in Vernunftbeziehungen zu bringen, empfiehlt der deutsche Paartherapeut Arno Retzer den gelegentlichen Einsatz von Wasserpistolen.

  14. Regular Client Avatar von Hippiekind
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    AW: Bezahlter Sex

    Ich finde meine Position tatsächlich sehr schwer zu vertreten bzw. zu behaupten, weil ich eben auch in diesen, ich sag mal, "typischen" Akademikerinnen-Kontexten unterwegs bin, in denen bewusst von "Sex-Work" gesprochen und pro "freie Wahl" argumentiert wird. Da ist eine solche Meinung wie meine schwierig zu diskutieren und man wird schnell als zu radikal und engstirnig abgetan. Ich kann schon nachvollziehen, wie in dem Lager argumentiert wird (weil ich eben auch zu Anfang pro "Sex Work" war), aber ich habe relativ schnell gemerkt, dass mir viele Positionen des Liberal- und Empowermentfeminismus nicht ausreichen - wenn man dann die strukturelle Ebene mit reinnimmt, landet man recht schnell bei radikaleren, aber auch (für mich) logischeren Positionen, und die sind dann doch ziemlich unbequem.
    "Wäre es nicht schön, wenn der Frankfurter Zoo ein Wombat-Pärchen erwerben könnte?
    Ich kann mich an diese freundlichen und rundlichen Tiere mit viel Identifikation aus meiner Kindheit
    erinnern und wäre sehr froh, wenn ich sie wiedersehen dürfte. [...]
    Und schließlich, wie steht es mit den Zwergnilpferden, die es einmal in Berlin gab?"

    (T. W. Adorno, Brief an den Frankfurter Zoodirektor Bernhard Grzimek vom 23.04.1965)

  15. Enthusiast Avatar von jadore
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    AW: Bezahlter Sex

    ich war früher auch eher pro sexarbeit, weil ich einfach nicht viel darüber nachgedacht habe und auch eher "linksliberal" unterwegs war, dh kein ganz grundsätzliches problem mit dem kapitalismus hatte.

    je mehr ich allerdings verstanden habe, dass die vermeintliche freiheit in unserer gesellschaft eigentlich keine oder nur eingeschränkt eine ist, desto mehr wurde auch das thema prostitution in ein anderes licht gerückt. dazu kommt dann noch eine nähere beschäftigung mit prozentzahlen etc. - also wie viele frauen leiden an einer ptbs, wie viele sagen, dass es freiwillig machen (bzw.: wie viele werden überhaupt nicht angehört und aus welcher gruppe stammen diese), was sagt das geschlechterverhältsnis aus, dazu noch so etwas wie aloha_namaste schreibt, also motive der freier etc.

    ich habe mich damit nicht total intensiv beschäftigt, aber es reicht, um prostitution abzulehnen.
    diskussionen hatte ich deswegen noch nicht wirklich. ich hab einige freund_innen, die es auch so sehen wie ich, andere wiederum haben sich noch nicht wirklich eine meinung gebildet, glaube ich. wahrscheinlich wären einige nicht so radikal wie ich, obwohl sie den aspekt der nur scheinbaren freiheit nicht leugnen würden. ich bin zwar feministisch interessiert und auch aktiv, halte mich aber bewusst von pro-sexwork-queerfeministinnen eher fern, da wir auch bei anderen themen nicht auf einer ebene liegen.

    eine frage an die anderen prostitutionskritikerinnen: seid ihr dann dafür, dass das nordische modell auch in deutschland umgesetzt wird?
    es kommt ja immer das gegenargument, dass man damit auch frauen in den rücken fallen würde, die eben finanziell davon abhängig sind und sich nicht mal so eben nen anderen job suchen können. ich finde das schon nachvollziehbar, zumal ich nicht weiß, wie viele anlaufstellen es für (ex-)prostituierte gibt, ob das angebot ausreicht, dass man ihnen wirklich helfen könnte, sich eine andere existenz aufzubauen oder ob der großteil damit allein gelassen würde.

  16. Member Avatar von Anin
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    AW: Bezahlter Sex

    Hm, der Großteil der Kohle bleibt ja wieder bei Männern hängen. Siehe Großbordelle wie das Pascha, Zuhälter etc. Ich denke, es gibt wenig Fälle, in denen die Frauen, die sich prostituieren wirklich selbstständig arbeiten. Oder ein Großteil des Geldes wird in Drogen, Alkohol investiert, um das täglich zu ertragen. Ich finde es daher schwer zu beantworten, ob man den Frauen dann extrem in den Rücken fallen würde.

  17. Member Avatar von Anin
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    AW: Bezahlter Sex

    Zufällig gerade noch diesen Artikel gesehen Prostitution-Sexmarkt-ausser-Kontrolle

  18. Urgestein
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    AW: Bezahlter Sex

    Zitat Zitat von wunder Beitrag anzeigen
    Übrigens finde ich gruselig, dass der Thread bei "Gefühle" steht. Für mich ist bezahlter Sex einfach total gefühlskalt. Sex als Leistung. Sex gegen Finanzen.
    Ja da gebe ich dir recht, ich habe den thread auf Grund der höheren Nutzeraktivität als im Sexforum und nicht aus thematischen Gründen hier eröffnet.

  19. Urgestein
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    AW: Bezahlter Sex

    Zitat Zitat von aloha_namaste Beitrag anzeigen
    Ich hab mich mal eine Zeit lang mit verschiedenen Freier-Studien beschäftigt, da mich beim Thema Prostitution auch die Nachfrageseite bzw. die Motivlage dieser Nachfrage sehr interessiert hat (beschränkt auf die männlichen, heterosexuellen Sexkäufer).

    Sex ist ja im Idealfall das Ergebnis gelungener zwischenmenschlicher Kommunikation, wie auch immer diese dann im Einzelfall aussieht, also sei es Datingphase mit eingehenderem Kennenlernen oder kurzer Flirt mit (größtenteils) nonverbalem Signalisieren von gegenseitigem sexuellem Interesse aneinander o.ä.
    Durch die Nutzung von Prostitution wird genau dieser Schritt übersprungen und damit ausgeblendet, dass der andere bzw. der oder die Prostituierte eine ganzheitliche Person mit eigener Sexualität ist. Es wird nicht nur die sexuelle Handlung an sich gekauft, sondern auch das Auslassen der vorhergehenden zwischenmenschlichen Kommunikation und Übereinkunft. Oder man erkauft zumindest, dass die sich prostituierende Person diese gelungene Kommunikation vorspielt, wie etwa auch bei einem high class escort, wo man vllt vor den sexuellen Handlungen noch chic essen geht und Konversation macht.

    In den Freier-Studien, mit denen ich mich bisher befasst habe, wird das jedenfalls als einer der Hauptgründe von Sexkäufern für das Nutzen von Prostitution angegeben: dass das Bezahlen eben den unmittelbaren Zugang zu Sex verschafft, ohne sich vorher groß mit der anderen Person als Mensch und ihrer Sexualität bzw. den sexuellen Wünschen des Gegenübers auseinandersetzen zu müssen, also eben eine reine Ich-Zentriertheit im Interaktionsgeschehen und eine Entbindung von sozialen Interaktionsnormen ausleben zu können.

    Am übersichtlichsten zu der Thematik fand ich "Comparing sex buyers with men who don't buy sex" von Melissa Farley et. al.
    Darin werden als weitere Gründe für das Kaufen von Sex angeführt:

    - der Wunsch nach Ausagieren von neurotischen Konflikten, etwa in Form von speziellen sexuellen Wünschen (die man den "guten Frauen", also (Ehe-)Partnerin oder Frauen außerhalb der Prostitution nicht zumuten kann oder will)
    - das Erleben eines Macht- und Kontrollgefühls
    - als kompensatorische Handlung (also anstatt sich mit frustrierenden Erlebnissen oder Situationen aus dem Alltagsleben auseinanderzusetzen wird der Frust auf eine sexualsierte und damit eine mit dem männlichen Selbstbild zu vereinbarende Ebene verlagert und durch die sexuelle Handlung mit einer Prostituierten ausagiert)
    - zur Bestätigung/ Erneuerung eines patriarchal geprägten männlichen Selbstbilds/Egos

    "The lack of empathy exhibited by sex buyers is associated with their objectification of women in prostitution, which are both cause and result of men's use of women in prostitution. The interviews provided much evidence of sex buyers' emotional and sexual disconnections, their lack of interest in the emotional state or well being of the prostituted person, and the profound objectification that was a core element in their buying sex. [...] As clearly illustrated in these accounts of sex buyers, the prostituted are disappeared as fully human, because only then can she provide the servitude the sex buyer seeks. He seeks her subordination to his wishes, to turn her into his masturbation fantasy by depersonalizing her [...]." (Melissa Farley et. al., 2011, S. 28 und 39.)

    Auch in der deutschsprachigen Studie "Die Produktion des Freiers" von Udo Gerheim (2012) werden Ich-Zentrierung, eine projektive, objektifierende Haltung in Bezug auf Frauen in (und auch außerhalb) der Prostitution und geschlechtshabituelle Strukturen (z. B. Dominanz-Disposition, Verknüpfung von -käuflichem- Sex mit männlicher Identität, Anspruchsdenken in Bezug auf Frauen/Frauenkörper/Sex) als Gründe für Sexkauf angeführt.

    Daher ja, es verändert mein Bild von einem Mann, wenn ich erfahre, dass er käuflichen Sex in Anspruch nimmt, genommen hat oder diese Praxis gutheißt, da ich damit nicht nur ein sehr problematisches Frauenbild, sondern auch einen sehr problematischen Umgang mit sich selbst, der männlichen Geschlechtsidentität und der eigenen Sexualität verbinde.
    Bei potentiellen Partnern oder platonischen männlichen Freunden klappere ich das Thema daher auch meist recht frühzeitig ab.
    danke für diese ausführliche Antwort!
    Ich finde das klingt sehr plausibel und realistisch.
    Ich kann mir auch durchaus vorstellen, dass der von dir erwähnte unmittelbare Zugang zu Sex ohne zwischenmenschliche Kommunikation mit einer Ich Zentriertet und dem reinen egoistischen Zwecke der Befriedigung seiner selbst bei sehr sehr vielen Konsumenten zutrifft. Genauso aber sicherlich auch die anderen genannten Punkte:
    - der Wunsch nach Ausagieren von neurotischen Konflikten, etwa in Form von speziellen sexuellen Wünschen (die man den "guten Frauen", also (Ehe-)Partnerin oder Frauen außerhalb der Prostitution nicht zumuten kann oder will)
    - das Erleben eines Macht- und Kontrollgefühls
    - als kompensatorische Handlung (also anstatt sich mit frustrierenden Erlebnissen oder Situationen aus dem Alltagsleben auseinanderzusetzen wird der Frust auf eine sexualsierte und damit eine mit dem männlichen Selbstbild zu vereinbarende Ebene verlagert und durch die sexuelle Handlung mit einer Prostituierten ausagiert)
    - zur Bestätigung/ Erneuerung eines patriarchal geprägten männlichen Selbstbilds/Egos

    Die Beweggründe sind für meine Begriffe aber alle keine 'normalen' Wünsche nur nach Sex, sondern es steckt im Normalfall immer etwas anderes (meist psychisches) dahinter. Also die in Anspruchnahme von der Dienstleistung passiert in dem Sinne in der Regel ja dann auch nicht nur, weil jemand Bock drauf hat, sondern weil er versucht damit einen 'Leidensdruck' in anderen Bereichen oder auf anderer Ebene auszugleichen.

  20. Member Avatar von sommerlinde
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    AW: Bezahlter Sex

    Zitat Zitat von Anin Beitrag anzeigen
    Zufällig gerade noch diesen Artikel gesehen Prostitution-Sexmarkt-ausser-Kontrolle
    Die Zahlen zur Prostitution weren anscheinend ausgewürfelt:
    In Berlin etwa sind nach aktuellem Stand nur 270 von geschätzt 7000 Frauen registriert, die gegen Geld ihren Körper verkaufen. In Hamburg waren es rund 1500 von geschätzten 5000 Prostituierten, in Stuttgart 170 von knapp 2000, in Leipzig 47 von 3.600.
    In Leipzig halb so viele Prostituierte wie in Berlin und mehr wie in Stuttgart. Da passt gehörig was nicht.
    Zitat Zitat von Paul Ziemiak
    Die AfD (ist) nicht unser Partner, sondern unser entschiedener Gegner.
    Unser christdemokratischer Kompass zeigt uns, dass eine Zusammenarbeit mit der AfD nicht verantwortbar und nicht möglich ist. Die AfD will ein anderes, ein dunkleres, ein kälteres Deutschland. CDU und CSU wollen ein besseres Deutschland. Konrad Adenauer hatte recht: "Wer wirklich demokratisch denkt, muss Achtung vor dem anderen, vor dessen ehrlichem Wollen und Streben haben."

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