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Ergebnis 1 bis 9 von 9
  1. Alter Hase Avatar von ~snow06~
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    Erwartungen (an sich/ an andere/ an das Leben)

    (Es geht mir wahrscheinlich am wenigsten um Erwartungen in romantischen Beziehungen. ) Wie sieht es bei euch aus, seid ihr sehr realistisch, habt ihr sogar sehr niedrige Erwartungen, die dann häufig von der Realität im Guten übertroffen werden oder erwartet ihr viel und werdet dann häufig enttäuscht?
    Ich scheine recht häufig zu hohe Erwartungen zu haben, was gut ist, weil es die Motivation steigert, sich um etwas zu kümmern, andererseits aber auch zu vielen Enttäuschungen führt... als ich mich zum Beispiel um mein Stipendium beworben habe, geschah das mit der Hoffnung (und ja, vllt auch Erwartung), dass ich dann für drei Jahre keine Geldsorgen haben würde, ständig auf Konferenzen im Ausland sein könnte und spannende Leute kennenlernen würde. Dann habe ich das Stipendium vor knapp anderthalb Jahren bekommen und ich stellte fest, dass es zwar regelmäßiger ist als die Bezahlung für meine selbstständige Tätigkeit, die ich vorher hatte, aber dass es andererseits so wenig ist, dass ich letztes Jahr doch mehrere Male finanziell in die Bredouille gekommen bin, als ich Zuzahlungen für medizinische Behandlungen zahlen musste etc. Das ist jetzt so ein Beispiel... ich fände es einerseits ganz schrecklich, wenn man überhaupt keine Erwartungen hätte, das heißt ja auch in gewisser Hinsicht, dass man nicht versucht, die Wirklichkeit/ das eigene Leben zu gestalten, sondern stattdessen ziemlich passiv alles hinzunehmen. Andererseits ertappe ich mich, wie ich nicht allzu selten an eigenen Ansprüchen scheitere (ich wollte das Biographie-Kapitel vor dem Doktorandenkolloquium nächste Woche fertig haben, da sind aber immer noch genug "Lücken" und offene Fäden, die ich bis dahin nicht mehr zu einem schönen und vollständigem Ganzen hinbekommen werde). Und ich erwarte eben auch von meinen Mitbewohnern, dass sie ab und zu saubermachen (dazu hatte ich einen anderen Thread eröffnet), aber das sehen die eben manchmal anders... Wie sieht es bei euch aus? Habt ihr manchmal zu hohe Standards (an euch selbst/ an andere) oder findet ihr euch einfach irgendwie mit der Realität ab, ohne groß darüber nachzudenken, was der alternative bessere Verlauf einer Situation wäre?
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  2. Senior Member Avatar von Caly
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    AW: Erwartungen (an sich/ an andere/ an das Leben)

    Beides. Auch wenn sich das natürlich zu widersprechen scheint. Ich versuche mal, es zu erklären.

    Ich hab sehr hohe Erwartungen in zwischenmenschlichen Bereichen. Nicht nur in romantischen Beziehungen, auch in Freundschaften. Sehr viele Leute erfüllen diese Erwartungen nicht, was dazu führt, dass ich selten neue Menschen kennenlerne (bzw wirklich in mein Leben lasse, die ein oder andere Partybekanntschaft gibt es natürlich immer mal, aber intensiviert werden diese Beziehungen dann nicht) und inzwischen auch radikal von Anfang an gleich wieder ausmiste, weil ich auf die immer gleichen Enttäuschungen einfach keine Lust mehr habe. Ich habe meine Freunde, die meinen Ansprüchen genügen ;-) und ich ihren und neue kommen selten dazu. Aber wenn, dann ist da gleich eine erstaunlich tiefe Verbundenheit - vielleicht, weil man eben genau diese Werte teilt.

    Im restlichen Leben bin ich eher realistisch, pragmatisch, mit einem Hang zum Zynismus. Ich erwarte mir beim Bewerbungen schreiben gerade beispielsweise sicher keinen Traumjob. Ich arbeite seit über 20 Jahren und die Erfahrung lehrte mich, Arbeit ist Arbeit und man kann es sich nicht schönreden, man kann nur ein bisschen an den Bedingungen schrauben. Letzteres habe ich vor, aber ich erwarte mir sicher nicht, mit einem neuen Job dann jeden Morgen tanzend und erfüllt das Haus zu verlassen. Entweder hab ich dann Recht oder werde positiv überrascht, find ich okay.

    Von Mitbewohnern würde ich niemals erwarten, dass sie das selbe Reinlichkeitsempfinden wie ich haben oder dass sie von sich aus xy tun - ich erwarte da nach einigen Jahren WG/Zusammenleben mit einem Partner gar nichts mehr Was ich erwarte ist ein unkompliziertes, lösungsorientiertes Gespräch, spätestens dann wenn keine saubere Tasse mehr da ist und irgendwer sich halt jetzt mal bewegen muss. Und ich erwarte, dass sich an die Deals, die in diesem Moment ausgehandelt werden, dann auch gehalten wird -> da sind wir wieder bei zwischenmenschlichen Erwartungen. Wenn ich verspreche, alle 2 Wochen das Bad zu putzen, dann mache ich das, selbst wenn ich dabei innerlich ein bisschen erbreche vor Widerwillen, und das erwarte ich auch von meinem Gegenüber.

    Edit: Ansprüche an mich selbst sind hoch und da bin ich lange immer wieder dran gescheitert, aber auch da bin ich inzwischen realistischer. Ich weiß einfach, dass ich nie 2 x die Woche putzen werde und Papierkram erst dann gemacht wird, wenn ich ein ernstes Zeitproblem habe. Wird sich nie ändern, ist nicht in meiner Natur, also erwarte ich da inzwischen auch nix anderes mehr von mir. Ich glaube, man muss seine Persönlichkeit in Grundzügen einfach irgendwann mal anerkennen und sich nicht ständig an sich selbst aufreiben. Das heißt nicht, dass ich mich mit einem fröhlichen "Tja, ich bin halt faul, lebt damit" auf die Couch fallen lasse während um mich herum alles in Chaos untergeht, aber ich nehme mir beim Schreiben von Texten und beim Bearbeiten von Post und beim Bezahlen von Rechnungen nicht mehr vor, das alles noch am selben Tag zu erledigen. Bezahlen, bevor die Mahnung kommt (weil Mahngebühren sind Dummheit, das lasse ich mir ungern durchgehen) ist wichtig, alles andere ist verhandelbar.
    Geändert von Caly (30.01.2020 um 12:23 Uhr)

  3. Alter Hase Avatar von ~snow06~
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    AW: Erwartungen (an sich/ an andere/ an das Leben)

    Zitat Zitat von Caly Beitrag anzeigen
    Beides. Auch wenn sich das natürlich zu widersprechen scheint. Ich versuche mal, es zu erklären.

    Ich hab sehr hohe Erwartungen in zwischenmenschlichen Bereichen. Nicht nur in romantischen Beziehungen, auch in Freundschaften. Sehr viele Leute erfüllen diese Erwartungen nicht, was dazu führt, dass ich selten neue Menschen kennenlerne (bzw wirklich in mein Leben lasse, die ein oder andere Partybekanntschaft gibt es natürlich immer mal, aber intensiviert werden diese Beziehungen dann nicht) und inzwischen auch radikal von Anfang an gleich wieder ausmiste, weil ich auf die immer gleichen Enttäuschungen einfach keine Lust mehr habe. Ich habe meine Freunde, die meinen Ansprüchen genügen ;-) und ich ihren und neue kommen selten dazu. Aber wenn, dann ist da gleich eine erstaunlich tiefe Verbundenheit - vielleicht, weil man eben genau diese Werte teilt.
    Interessant... was erwartest du denn von deinen Freunden? Ehrlichkeit, regelmäßige Treffen, Verbindlichkeit... oder etwas ganz anderes?

    Zitat Zitat von Caly
    Im restlichen Leben bin ich eher realistisch, pragmatisch, mit einem Hang zum Zynismus. Ich erwarte mir beim Bewerbungen schreiben gerade beispielsweise sicher keinen Traumjob. Ich arbeite seit über 20 Jahren und die Erfahrung lehrte mich, Arbeit ist Arbeit und man kann es sich nicht schönreden, man kann nur ein bisschen an den Bedingungen schrauben. Letzteres habe ich vor, aber ich erwarte mir sicher nicht, mit einem neuen Job dann jeden Morgen tanzend und erfüllt das Haus zu verlassen. Entweder hab ich dann Recht oder werde positiv überrascht, find ich okay.
    Ha, das ist sehr pragmatisch und keine schlechte Einstellung.

    Zitat Zitat von Caly
    Von Mitbewohnern würde ich niemals erwarten, dass sie das selbe Reinlichkeitsempfinden wie ich haben oder dass sie von sich aus xy tun - ich erwarte da nach einigen Jahren WG/Zusammenleben mit einem Partner gar nichts mehr Was ich erwarte ist ein unkompliziertes, lösungsorientiertes Gespräch, spätestens dann wenn keine saubere Tasse mehr da ist und irgendwer sich halt jetzt mal bewegen muss. Und ich erwarte, dass sich an die Deals, die in diesem Moment ausgehandelt werden, dann auch gehalten wird -> da sind wir wieder bei zwischenmenschlichen Erwartungen. Wenn ich verspreche, alle 2 Wochen das Bad zu putzen, dann mache ich das, selbst wenn ich dabei innerlich ein bisschen erbreche vor Widerwillen, und das erwarte ich auch von meinem Gegenüber.
    Wow, es ist super, dass du dich so fest an Absprachen hältst...

    Aber ich finde auch (das gilt auch für Jobs), dass man sich gegenseitig anpasst. Wenn man an einem Ort arbeitet, wo niemand 100%ig auf die Rechtschreibung achtet, wird man da mit der Zeit auch nachlässiger, Mitbewohner können einen bezüglich des Saubermachens "mit nach oben ziehen", wenn sie ständig blankgeputzte Spiegel im Bad haben und man das dann irgendwann als "Norm" ansieht und die Spiegel dann auch ständig putzt oder es kann sein, dass sie ihre Kleidung ständig auf dem Wohnzimmerfußboden rumliegen lassen und man dann auch damit anfängt, weil man beginnt, es als "normal" zu betrachten...

    Die Ansprüche an meiner Uni waren übrigens in meinem Fach wahnsinnig hoch und ich wusste das damals nicht. Ich dachte, es wäre halt normal, dass man ständig wie eine Wahnsinnige arbeitet, um das hinzubekommen, was die Dozenten erwartet haben. Später, erst nach dem Studium, habe ich dann Leute von anderen Unis kennengelernt, die das Gleiche wie ich studiert haben aber unter unglaublich viel lockereren Bedingungen (und mit auch niedrigeren Ergebnissen am Ende natürlich.)
    Zitat Zitat von Caly
    Edit: Ansprüche an mich selbst sind hoch und da bin ich lange immer wieder dran gescheitert, aber auch da bin ich inzwischen realistischer. Ich weiß einfach, dass ich nie 2 x die Woche putzen werde und Papierkram erst dann gemacht wird, wenn ich ein ernstes Zeitproblem habe. Wird sich nie ändern, ist nicht in meiner Natur, also erwarte ich da inzwischen auch nix anderes mehr von mir. Ich glaube, man muss seine Persönlichkeit in Grundzügen einfach irgendwann mal anerkennen und sich nicht ständig an sich selbst aufreiben. Das heißt nicht, dass ich mich mit einem fröhlichen "Tja, ich bin halt faul, lebt damit" auf die Couch fallen lasse während um mich herum alles in Chaos untergeht, aber ich nehme mir beim Schreiben von Texten und beim Bearbeiten von Post und beim Bezahlen von Rechnungen nicht mehr vor, das alles noch am selben Tag zu erledigen. Bezahlen, bevor die Mahnung kommt (weil Mahngebühren sind Dummheit, das lasse ich mir ungern durchgehen) ist wichtig, alles andere ist verhandelbar.
    Das klingt nach einem guten Kompromiss.
    Geändert von ~snow06~ (30.01.2020 um 12:42 Uhr)
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  4. Senior Member Avatar von Caly
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    AW: Erwartungen (an sich/ an andere/ an das Leben)

    Zitat Zitat von ~snow06~ Beitrag anzeigen
    Interessant... was erwartest du denn von deinen Freunden? Ehrlichkeit, regelmäßige Treffen, Verbindlichkeit... oder etwas ganz anderes?
    Ich glaube, Zuverlässigkeit und Loyalität sind mir das wichtigste. Dass man sich aufeinander verlassen kann und aufeinander aufpasst.
    Vor vier Wochen ist meine Mutter gestorben und ich konnte noch direkt in der Nacht mit 3 Menschen telefonieren (2 davon schlafen zu der Zeit eigentlich bereits), eine Freundin stand am nächsten Tag vor der Tür ("Ich lass dich sicher nicht mit dem Scheiß hier alleine"), der beste Freund hat mich zum Bestatter gefahren, damit ich nicht Zug fahren muss in meinem aufgelösten Zustand und seine Verlobte hat die Besprechungen und Kostengespräche komplett für mich übernommen (sie ist nicht sonderlich empathisch und kann null trösten, aber diesen Erwachsenenkram kann sie wie keine andere und hat genau das dann eben eingebracht). Ich fands wirklich unglaublich, wie wenig ich alleine schaffen musste. Und sowas wiegt für mich sehr, sehr viel Nervkram auf, den man vielleicht so im Alltag durchaus miteinander haben kann.

    Außerhalb von Krisen, im ganz normalen Alltag, erwarte ich eine gewisse Verbindlichkeit. Ich kann niemanden brauchen, der regelmäßig eine Minute vorher absagt, weil er dann doch lieber was anderes machen will. Ich brauche keine häufigen Treffen, aber häufiges Melden finde ich schon wichtig. Ehrlichkeit natürlich auch. Aber wenn ich mich entscheiden müsste, dann ist es wirklich Loyalität. Und da hapert es bei vielen Menschen, finde ich.

    Wegen mitziehen: Ja, ich habe durchaus schon Menschen mit in die Unordnung gerissen! Umgekehrt ist es nicht so geglückt, aber ich konnte mit einem sehr ordentlichen Mann einige Jahre zusammenleben, ohne dass wir uns getötet hätten. Ich hab den Spiegel zwar immer nur für ihn blank geputzt und es gab da keinerlei Erziehungseffekt oder Einsicht meinerseits, aber hat mich nun ja auch nicht umgebracht. Er war öfters mal für mehrere Tage bis Wochen auf Schulungen und für gewöhnlich sah es dann nach 3 Minuten so aus als wäre eine Bombe explodiert und ich musste ernsthaft in Panik verfallen, bevor er zurückkam, aber davon abgesehen ging das mit Absprachen echt gut. Ich würde mich da aber auch auf keine einlassen, die zum Scheitern verurteilt sind. Ich putze sicher nicht jeden zweiten Tag die Küche, also würde ich sowas auch nie versprechen. Aber Mittelwege sollten sich doch immer finden lassen, daran glaube ich ganz fest.

  5. Alter Hase Avatar von ~snow06~
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    AW: Erwartungen (an sich/ an andere/ an das Leben)

    Caly
    Wie schön, dass deine Freunde gleich für dich da waren. Trotzdem... uff. Ich hoffe, dir geht es soweit ganz okay (wie es eben unter den Umständen möglich ist).
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  6. Senior Member Avatar von Caly
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    AW: Erwartungen (an sich/ an andere/ an das Leben)

    Ja, danke - keine Sorge Darum sollte es auch gar nicht gehen, es war nur das aktuellste Beispiel. Und beschreibt eben perfekt, was ich unter "aufeinander aufpassen" verstehe. Und was ich für Freundschaften echt wichtig finde. Party und so kann ja jeder, aber Krisen nicht unbedingt.

  7. Urgestein Avatar von Wiesgart
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    AW: Erwartungen (an sich/ an andere/ an das Leben)

    Mir geht's wie Caly, ich hab schon hohe Ansprüche an Freunde. Ich hab daher auch einige sehr gute Freunde seit meiner Jugend und drei neue Leute, die ich seit ca 5-8 Jahren kenne. Ein guter Freund ist vor zwei Jahren dazu gekommen, uns verbindet unser Hobby, wir verbringen viel Zeit, verreisen zusammen, ganz unkompliziert. Ich übernachten häufig da, wir schauen Serien. Wie ne Beziehung ohne Sex. Ist sowieso mein Lieblingsding.

    Meine Freunde sind verlässlich, das ist mir wichtig. Und eben Loyalität, ja. Und passender Humor. Die Leute bekommen von mir aber auch alles. Der Rest muss dahinter zurück stecken.

    Ich finde es schwierig Leute zu finden, die ein gutes Herz mit losem Mundwerk verbinden und nerdig und klug sind. Meistens sind die Leute eher langweilig, wenig kreativ, sind mir politisch zu korrekt, da hab ich wenig Spaß dran. Ich brauche Leute, die gern albern sind, sind nicht zu ernst nehmen und begeisterungsfähig sind.

    Ansonsten hab ich an meinen Job recht hohe Ansprüche, was Spaß, Wertschätzung, Fairness und Transparenz angeht, weil ich seit fünf Jahren sehr happy da bin. Dass es wenig Hierarchien gibt, ich schnell da bin, man Spaß zusammen hat, die Vorgesetzten fair sind und motivierend und die Bezahlung gut. Wobei letzteres jetzt erst seit einem Jahr der Fall ist. Außerdem möchte ich flexibel sein, also spontan arbeiten können. Zudem hab ich eine Person auf der Arbeit, der ich blind vertraue, das ist auch meine direkte Chefin. Die eine meiner engsten Freundinnen ist. Ich geh tatsächlich lieber arbeiten als frei zu haben, auch wenn ich früher schon immer gern arbeiten war, jetzt ist es schon nochmal ne ganze Ecke schöner. Ich hab mit meinem jetzigen Projekt viel Glück gehabt, das weiß ich, die meisten Arbeitsplätze sind nicht so. Erwarten kann man es also nicht nennen, ich weiß ein nächster Job würde bedeuten ich muss viele Abstriche machen.

    Ansonsten ist mir das meiste relativ egal, es kommt wie es kommt. Aber Arbeit und Freunde muss passen.

  8. V.I.P. Avatar von finessa
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    AW: Erwartungen (an sich/ an andere/ an das Leben)

    Zitat Zitat von ~snow06~ Beitrag anzeigen
    ich fände es einerseits ganz schrecklich, wenn man überhaupt keine Erwartungen hätte, das heißt ja auch in gewisser Hinsicht, dass man nicht versucht, die Wirklichkeit/ das eigene Leben zu gestalten, sondern stattdessen ziemlich passiv alles hinzunehmen.
    Ich sehe die Verbindung zwischen "Erwartung" und "Gestaltung" nicht zwangsläufig: Je nachdem, wie Erwartungen ausgestaltet sind, können sie sehr unflexibel machen und sogar Passivität provozieren, wenn sich die eigenen Erwartungen etwa an etwas richten, das außerhalb des eigenen Einflussbereichs liegt (gerade in Beziehungen passiert das nicht selten eine Erwartung an das Verhalten der anderen Person zu stellen, anstatt an den eigenen Umgang mit dem Verhalten der anderen Person) oder in Form sehr negativer Erwartungen selbst den Ausgangspunkt für Passivität bilden (denn wenn ich mir erwarte, Situation x könne nur schlecht ausgehen, ist das ja auch eine Erwartung und nicht keine Erwartung). Ich kann mir ganz generell ja auch viel erwarten und dennoch nicht ins Handeln kommen, während andere womöglich keine konkreten Erwartungen an ein bestimmtes Ergebnis im Außen setzen, sondern sich einfach mit sich selbst wohl fühlen wollen und dadurch dann auch selbstwirksam und aktiv agieren.

    Du kennst vielleicht das Beispiel von zwei Leuten die um eine Orange streiten: Solange beide nur an ihrer Erwartung festhalten, die Orange zu bekommen, wird eine Person frustriert bleiben, aber wenn sie sich von der festen Erwartung: "Ich will die Orange!" lösen und über die eigenen Interessen sprächen, anstatt die Erwartung, die Orange zu kriegen, fänden sie raus, dass eine Person die Orange für einen Kuchen will und es dafür nur den Abrieb der Schale benötigt, während die andere die Orange essen will und daher beide Interessen mit einer geteilten Orange ohne Verlust verfolgt werden könnten, sobald eben die Erwartung aufgegeben wird, unbedingt die Orange zu kriegen. Erwartungen - im Sinne sehr konkreter Vorstellung an ein bestimmtes Ergebnis- können auch den Blick auf dahinter liegende Interessen versperren und damit auf viele Wege, welche abseits eines konkreten Ergebnisses noch zu deren Erfüllung führen könnten.

    Ich kann mir auch nie was darunter vorstellen, wenn Leute meinen sie hätten "hohe Erwartungen an xy" - meist heißt es eher, dass xy für sie ein hoher Wert ist/ihnen viel bedeutet. Denn gerade in Beziehungen höre ich das immer wieder von Leuten, die in für sie frustrierenden Situationen bleiben.
    "Das Verliebtsein ist ja nicht mehr als ein psychiatrisches Durchgangsstadium und die zwanghafte Besessenheit von einem Menschen auf Dauer so ungesund wie Kokainkonsum." Um etwas Pepp in Vernunftbeziehungen zu bringen, empfiehlt der deutsche Paartherapeut Arno Retzer den gelegentlichen Einsatz von Wasserpistolen.

  9. Alter Hase Avatar von ~snow06~
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    AW: Erwartungen (an sich/ an andere/ an das Leben)

    Zitat Zitat von finessa Beitrag anzeigen
    Ich sehe die Verbindung zwischen "Erwartung" und "Gestaltung" nicht zwangsläufig: Je nachdem, wie Erwartungen ausgestaltet sind, können sie sehr unflexibel machen und sogar Passivität provozieren, wenn sich die eigenen Erwartungen etwa an etwas richten, das außerhalb des eigenen Einflussbereichs liegt (gerade in Beziehungen passiert das nicht selten eine Erwartung an das Verhalten der anderen Person zu stellen, anstatt an den eigenen Umgang mit dem Verhalten der anderen Person) oder in Form sehr negativer Erwartungen selbst den Ausgangspunkt für Passivität bilden (denn wenn ich mir erwarte, Situation x könne nur schlecht ausgehen, ist das ja auch eine Erwartung und nicht keine Erwartung). Ich kann mir ganz generell ja auch viel erwarten und dennoch nicht ins Handeln kommen, während andere womöglich keine konkreten Erwartungen an ein bestimmtes Ergebnis im Außen setzen, sondern sich einfach mit sich selbst wohl fühlen wollen und dadurch dann auch selbstwirksam und aktiv agieren.

    Du kennst vielleicht das Beispiel von zwei Leuten die um eine Orange streiten: Solange beide nur an ihrer Erwartung festhalten, die Orange zu bekommen, wird eine Person frustriert bleiben, aber wenn sie sich von der festen Erwartung: "Ich will die Orange!" lösen und über die eigenen Interessen sprächen, anstatt die Erwartung, die Orange zu kriegen, fänden sie raus, dass eine Person die Orange für einen Kuchen will und es dafür nur den Abrieb der Schale benötigt, während die andere die Orange essen will und daher beide Interessen mit einer geteilten Orange ohne Verlust verfolgt werden könnten, sobald eben die Erwartung aufgegeben wird, unbedingt die Orange zu kriegen. Erwartungen - im Sinne sehr konkreter Vorstellung an ein bestimmtes Ergebnis- können auch den Blick auf dahinter liegende Interessen versperren und damit auf viele Wege, welche abseits eines konkreten Ergebnisses noch zu deren Erfüllung führen könnten.
    Ja, aber das heißt, dass man Erwartungen an andere (immer) verbal kommunizieren sollte... hm. Erstens geht das nicht immer, weil es eben auch genug unausgesprochene Erwartungen in der Gesellschaft gibt (die man aber keineswegs übergehen kann) und zweitens führt das Kommunizieren über Erwartungen ja auch nicht zwangsläufig zu Harmonie. Ich bin Ende der Woche bei einem Doktorandenkolloquium und fragte eine andere, die dort auch hingeht, ob sie ihren Forschungsüberblick mitnimmt, weil ich gerade an meinem arbeite und gerne Feedback hätte und vergleichen möchte. Sie sagte zuerst ja (und dass sie auch an dem Forschungsüberblick schreibt und damit Probleme hat), zog dann aber wieder zurück... ich denke, ich werde die einzige sein, die sich dort am Freitag so exponiert. Ist nicht das Ende der Welt. Aber Erwartungen sind sehr unterschiedlich bei verschiedenen Personen und gleichen sich durch Kommunikation nicht unbedingt an.

    Zitat Zitat von finessa
    Ich kann mir auch nie was darunter vorstellen, wenn Leute meinen sie hätten "hohe Erwartungen an xy" - meist heißt es eher, dass xy für sie ein hoher Wert ist/ihnen viel bedeutet. Denn gerade in Beziehungen höre ich das immer wieder von Leuten, die in für sie frustrierenden Situationen bleiben.
    Hm... einerseits gibts da die Sachebene und die Personenebene, würde ich sagen. Wenn man zwei Wochen Urlaub im Sommer auf den kanarischen Inseln bucht, ist es nicht illusionär zu erwarten, dass man gutes Wetter hat. Wenn es dann aber vierzehn Tage regnet, kann man durchaus enttäuscht sein (finde ich). Das ist jetzt ein ganz kleines Beispiel, meistens geht es natürlich eher darum, dass man sich zum Beispiel von einem Job einen bestimmten Status verspricht und dann merkt, dass er den gar nicht mehr (so) sehr hat.

    Man kann an eine Freundschaft die Erwartung haben, dass man sich ständig trifft, dann hat die andere Person aber vllt monatelang Stress und es geht einfach gar nicht. Etc.
    Geändert von ~snow06~ (05.02.2020 um 11:40 Uhr)
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