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  1. gesperrt
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    Wie habt ihr herausgefunden, wonach ihr sucht?

    Ich benutze diesen Nick, weil ich nicht erkannt werden will.
    Ich richte mich hiermit an alle, die Erfahrungen mit Süchten haben und sie mehr oder weniger besiegt haben.
    Ich leide nun seit über zehn Jahren an Esssucht und habe das Gefühl, dass es nie besser werden wird. Ich bin in Therapie, aber sehe keinen Hoffnungsschimmer mehr für mich.
    Meine Therapeutin hat bereits am Anfang der Therapie mir einen Spruch gesagt, den ich schon öfters gelesen habe: Jede Sucht ist die Suche nach etwas. Und ich merke selbst, dass ich anfange zu schlingen, zu fressen wenn ich Ohnmacht empfinde. Ich fühle mich haltlos. Als würde ich versuchen, meine innere Leere mit einer Schutzschicht zu füllen. Ich habe schreckliche Angst um meine Gesundheit, weil ich bereits Übergewicht habe und keine Besserung in Sicht ist. Ich nehme zwar langsam zu, aber stetig.
    Ich würde sagen, dass ich ein erfülltes Leben habe. Ich habe Freunde und bin im Moment single, aber glücklich. Aber wenn ich abends in meine leere, kalte Wohnung komme, merke ich, dass ich mir selbst nicht genug bin. Ich habe dann eine starke Sehnsucht, die sich wie ein schmerzhaftes Ziehen in der Brustgegend anfühlt. Ich kann es nicht gut beschreiben... Dann greife ich zum Essen.
    Ich habe das Gefühl, die Therapie bringt nichts. Ich habe Freunde, ich könnte eine Beziehung führen, im Grunde müsste ich glücklich sein.

    Was war es bei euch, wonach ihr gesucht habt? Oder wenn ihr es öffentlich nicht verraten wollt, würde ich gerne wissen wie ihr das, wonach ihr gesucht habt, gefunden habt? Gibt es da bestimmte Kniffe, seinem Inneren näher zu kommen?
    Ich würde mich als erwachsene, souveräne Frau sehen. aber wenn es zu meiner Esssucht kommt, stehe ich vor einem Rätsel und fühle mich genauso unsicher und ängstlich wie ein Teenager.

  2. Stranger
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    AW: Wie habt ihr herausgefunden, wonach ihr sucht?

    Ich kann das Gefühl was du beschreibst zu 100% nachempfinden. Ich habe zwar keine Probleme mit dem Essen, aber früher mal mit Substanzen, genau aus dem Grund, dass sich mein Leben leer und sinnlos angefühlt hat und ich etwas aufregendes erleben wollte und auch die Schmerzen betäuben.

    Dieses Ziehen in der Brust, fast schon Panik und man könnte sich die Haare raufen. Ich denke man muss etwas finden, was einen ausfüllt, und zwar etwas WAS NICHTS MIT ANDEREN MENSCHEN ZU TUN HAT. Freunde, eine Beziehung, eine gutes Verhältnis zu den Eltern, all das hatte ich früher auch, das hat mit dem Problem und auch mit der Lösung nichts zu tun.

    Was ich über mich selbst gelernt habe ist: Ich wollte immer irgendwo reinpassen, wozu ich nicht gehörte und das hat viele meiner Probleme ausgelöst. Ich hatte zum Beispiel einen sehr konservativen Job, weil ich allen gefallen wollte und nicht "aus der Reihe tanzen" wollte. Das hat mir aber meine Lebensfreude genommen und die Probleme ausgelöst/verstärkt. Irgendwann bin ich zu dem Punkt gekommen, dass ich zu der Person stehen muss, die ich bin, auch wenn das bedeutet, weniger beliebt zu sein ect. Ich habe dann ein Hobby wieder aufgenommen, was mir in meiner Kindheit sehr wichtig war, nämlich Musik. Auch wenn viele Menschen mit denen ich da noch zu tun hatte, es für "unsinnig" hielten (wie gesagt, sehr konservative Kreise), habe ich viel gesungen und geschrieben und Klavier gespielt und im Endeffekt sogar meinen Job gewechselt, um mehr Zeit dafür zu haben.

    Seit dem ich das gemacht habe, habe ich sehr sehr selten Rückfälle in selbstzerstörerisches Verhalten gehabt, weil ich einen Sinn in meinem Leben sehe, und der ist es kreativ zu sein und Kunst zu erschaffen. Ich habe etwas worauf ich mich freue, wenn ich abends nach Hause komme und das ist nicht abhängig von einem anderen Menschen, niemand kann es mir wegnehmen.

    Wenn du so etwas findest, wirst du das Essen sicher nicht mehr so brauchen wie jetzt, ich drücke dir die Daumen und wünsche dir viel Kraft und alles Gute!!

  3. Regular Client Avatar von Milch&Honig
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    AW: Wie habt ihr herausgefunden, wonach ihr sucht?

    .
    Geändert von Milch&Honig (30.09.2015 um 10:33 Uhr)
    "Anis, das hier wird dein Armageddon - Alles kommt zurück - Karmageddon"

  4. Foreninventar Avatar von cyan
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    AW: Wie habt ihr herausgefunden, wonach ihr sucht?

    deine entwicklung liest sich sehr beeindruckend, milch&honig.


  5. gesperrt
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    AW: Wie habt ihr herausgefunden, wonach ihr sucht?

    Danke für eure ausführlichen Antworten. Ja, könnte sein, dass mir ein Hobby fehlt. Aber allem voran vermutlich einfach das Gefühl, sich selbst zu spüren. Ich habe oft Schuldgefühle, wenn ich gegessen habe. Diese Schuldgefühle sind immer da. Auch in Bezug auf andere Menschen. Ich nehme mich oft zurück. Und vermutlich bin ich auch nicht wirklich glücklich mit meiner Lebenssituation. Aber ich traue mich nicht, mir das zuzugestehen: dass ich mehr will. Dass ich andere Freunde will. Dass das Arbeitsklima vielleicht doch nicht so rosig ausschaut, wie ich mir immer einrede. Im Grunde laufe ich mein Leben lang vor mir davon. Ich umgebe mich mit guten Dingen, aber in mir drin fühle ich mich nackt und hilflos. Ich habe so eine Sehnsucht in mir. Ja, ich weiß, ich wiederhole mich.
    Malerei habe ich bereits ausprobiert. Genau wie Tagebuch schreiben. Aber jedes Mal breche ich ab und es zieht mich wie magisch zum Kühlschrank hin. Ich esse und esse, bis ich das Gefühl habe, dass die Leere in mir ausgefüllt ist und meine Wohnung mir weniger trostlos vorkommt.
    Ich weiß nicht, ob die Lösung tatsächlich so einfach ist: Ich suche nach mir selbst. Aber wenn es so ist - wie finde ich mich? Ich habe es mit Kreativem versucht, es half nichts. Ich denke manchmal, dass ich nicht zu mir selbst finden kann, weil ich Angst habe vor mir selbst. Vor diesem gierigen, egoistischen Monstrum, das tief in mir schlummert und sich in Fressanfällen äußert.

  6. Member Avatar von Bubbleworks
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    AW: Wie habt ihr herausgefunden, wonach ihr sucht?

    .
    Geändert von Bubbleworks (02.04.2014 um 19:05 Uhr) Grund: Zu privat, um es länger stehen zu lassen.
    Nerdruf 11000101000110


    *hat kein Problem mit Eigenlob*

  7. Stranger
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    AW: Wie habt ihr herausgefunden, wonach ihr sucht?

    Milch&Honig, das ist ja wirklich eine krasse Geschichte, schön, dass es bei dir einen guten Ausgang genommen hat!!
    Janosch, ich glaube, wenn du sagst, du hättest gerne andere Freunde und "du läuft vor deinem Leben davon", dann hast du ja schon ein Bild von dem Leben, das du gerne führen würdest, oder? Was ist denn an dem anders als an dem Leben jetzt? Wie wären denn die Leute, die du gerne um dich hättest und wie sollte dein Leben sein, wenn es so wäre wie du es dir wünschst? Wenn du dir das beantwortest, weißt du ja schon wonach du suchst... Das mit den Schuldgefühlen und dem Zurücknehmen kenne ich auch gut, es ist manchmal sehr schwer man selber zu sein, weil mal Angst hat alleine da zu stehen... in welchen Bereichen würdest du dich denn gerne durchsetzten, an denen es im Moment nicht klappt??

  8. Inaktiver User

    AW: Wie habt ihr herausgefunden, wonach ihr sucht?

    Ich kann die Leere auch in Ansätzen nachempfinden, wenn ich das auch anscheinend nur ganz leicht habe (fühlt sich für mich immer an wie eine leichte depressive Verstimmung), und es äußret sich zum Glück nicht in irgendeiner Form der Sucht oder so...

    Wie sieht es bei dir mit einem Ziel aus? Hast du etwas im Leben, was du dringend erreichen willst, worauf du hinarbeiten kannst? Oder weißt du vll einfac hnicht, was mit dir werden soll oder was du willst ? Das letztere zieht mich insbesondere immer mal wieder runter.

  9. Junior Member
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    AW: Wie habt ihr herausgefunden, wonach ihr sucht?

    Ich lebe seit 15 Jahren mit Essstörungen, Magersucht mit bulimischen Phasen. Seit 8 Jahren bin ich in therapeutischer Behandlung (nicht durchgehend) und seitdem überwiegend im (unteren) Normalgewicht. Die Funktionen meiner Essstörung waren mir recht früh bewusst (Angst vorm Erwachsenwerden, Angst vorm Frausein, Angst vor Gefühlen), aber damit umzugehen lernen, dauert immer noch an. Bei mir persönlich war ein Meilenschritt, tragende Beziehungen zu anderen Menschen einzugehen und zu erleben, zunächst stellvertretend durch Hausärztin, Psychiaterin und ambulante Betreuerin, über Jahre... heute bin ich in der Lage, auch andere Beziehungen zuzulassen und aufrechtzuerhalten, zB. hab ich seit fast 1 Jahr einen (meinen 1.) Freund.
    Geändert von ambi (12.05.2014 um 23:07 Uhr)

  10. Stranger
    Registriert seit
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    AW: Wie habt ihr herausgefunden, wonach ihr sucht?

    Hättest du auch Interesse am Austausch mit "Betroffenen"? Also ich bin selbst auf derselben Suche, bisher aber weniger erfolgreich ;(

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