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  1. Fresher Avatar von Schokovanille
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    Anfang 30 und nichts erreicht

    Ich stecke im Moment in einem richtigen Krise. Eigentlich schon seit Jahren

    Ich bin Anfang 30, studiere mehr auf dem Papier als wirklich hinzugehen (Depressionen, Soziale Ängste) und habe bisher absolut gar nichts geschafft. Kein Job, kein Mann, Kinder, etc.

    Der Tod meines Vaters vor einigen Jahren hat mich total aus der Bahn geworfen und irgendwie schaffe ich es das alles so sehr zu verdrängen dass ich echt wie in so einer Scheinwelt lebe.
    Aber ich kann doch nicht ewig so weitermachen und mich von meiner Mutter unterstützen lassen

    Mittlerweile habe ich kaum mehr Motivation irgendetwas zu machen weil ich immer denke es ist eigentlich eh schon alles zu spät. Ich hab es einfach verpasst endlich mein Leben in die Hand zu nehmen.

    Gibt es vielleicht irgendjemanden der in einer ähnlichen Situation ist / war und der sich ein bisschen austauschen möchte? Das würde mich wirklich freuen
    “No one can make you feel inferior without your consent.”

  2. Ureinwohnerin Avatar von Anathema
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    AW: Anfang 30 und nichts erreicht

    Muss man denn unbedingt was "erreicht" haben, wenn man 30 ist? Es gibt keinen festen Zeitplan fürs Leben...
    Just a dream away

  3. V.I.P. Avatar von lassie_singers
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    AW: Anfang 30 und nichts erreicht

    Zitat Zitat von Anathema Beitrag anzeigen
    Muss man denn unbedingt was "erreicht" haben, wenn man 30 ist? Es gibt keinen festen Zeitplan fürs Leben...
    aber gesellschaftlichen druck gibt es.
    Geändert von lassie_singers (11.03.2017 um 21:30 Uhr)
    hello! my pronouns are sex based, just like my oppression.

  4. Addict Avatar von Tammie
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    AW: Anfang 30 und nichts erreicht

    Schokovanille, ich werde die Tage noch was dazu schreiben.
    Ihr antwortete doch auch immer mit "OK", wenn ihr eigentlich "Fick dich!", "Idiot", "meine Welt brennt!" oder "Du fehlst mir!" meint, oder?

    (Tweet von Floh am Meer)

  5. V.I.P. Avatar von gewitter
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    AW: Anfang 30 und nichts erreicht

    Zitat Zitat von Anathema Beitrag anzeigen
    Muss man denn unbedingt was "erreicht" haben, wenn man 30 ist? Es gibt keinen festen Zeitplan fürs Leben...
    ja natürlich. aber....

    ein problem ist es schon, wenn man einfach auch keinen plan hat. das ist mit 22 kein ding (also empfinde ich so). aber irgendwann wird das ein problem. und zwar nicht nur wegen der rentenkasse, sondern eben auch, weil das eigene selbstbild leidet. ich denke dass hat nicht nur, aber doch auch viel, mit gesellschaftlichen druck zu tun. aber mit 30 'noch nix vorzuweisen' zu haben (was auch immer das dann aber genau heisst), bedeutet, dass man einfach entweder langsamer ist, öfter dinge nicht beendet hat oder einfach viel weniger elan hat als der durchschnitt. (wobei naja also in dem fall meint das halt vielleicht den durchschnitt meines umfelds. also wenn ich mich vergleiche mit meinen akademikerfreunden, mit meiner herkunft. gegen die leute ausm problemviertel mit den 1€ jobs isses vielleicht nicht so krass. oder jetzt irgendwen als dumm oder so abstempeln zu wollen.) ich entäusche einfach mich selber. bleibe hinter dem zurück, und zwar wirklich weit, was ich denke, dass ich könnte. und je länger dieser zustand anhält, desto verzagter werde ich.

    31, zwei abgebrochene studien und eins, das gerade nur noch aufm papier besteht.
    "Es gibt keine harmlosen Zivilisten."

  6. Member Avatar von odile
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    AW: Anfang 30 und nichts erreicht

    sehe es auch so wie gewitter. nach ein paar jahren in dieser situation traut man sich auch einfach nicht mehr so viel zu – verzagtheit trifft es sehr gut, finde ich.

    in meinem umfeld gibt es zum glück noch andere, die nicht so eine „standardsituation“ haben (haus, familie, gehobenes akademikergehalt, pkw etc.), aber im umfeld meiner eltern (also der kinder ihrer freunde) bin ich die einzige, die das nicht hat.

    also ich war mit anfang 30 in derselben situation wie du, schokovanille, aber hab mich mittlerweile berappelt – ich führe kein leben auf der überholspur, ok, aber ich komm klar und bin meistens zufrieden.

  7. Addict Avatar von Tammie
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    AW: Anfang 30 und nichts erreicht

    Ich vergleiche oft meine Lebenssituation mit der meiner Eltern, als sie in meinem Alter waren. Beide haben nicht studiert, sondern eine Ausbildung gemacht und arbeiten seit sie 16 sind. Kennengelernt haben sie sich mit 15 bzw. 18, mit Anfang 20 sind sie in eine gemeinsame Wohnung gezogen, kurz darauf wurde gebaut. Meine Mutter hat mich bekommen, als sie 26 war.

    Ich hingegen bin jetzt 28, seit Urzeiten Single, kein Haus, keine Wohnung und mache momentan noch meinen Master zu Ende (werde wohl im Sommer/Herbst fertig). Habe noch nix in die Rentenkasse einbezahlt, jobbe nebenher sehr viel, bin aber trotzdem noch auf die finanzielle Hilfe meiner Eltern angewiesen und wie das dann alles mit dem Berufseinstieg klappt ist auch noch offen. Ich bin auch die einzige in meiner Familie, die studiert und bin glaube ich für viele ziemlich "merkwürdig".

    Ich komme mir immer öfter vor, als hätte ich auf ganzer Linie versagt. Sowohl beruflich bzw. ausbildungstechnisch als auch in allen anderen Bereichen. Ich habe total Angst, dass meine Eltern insgeheim genau das denken, auch wenn sie das niemals äußern würden. Mehrmals habe ich versucht mit meiner Mutter darüber zu reden, warum ich manchmal so depremiert bin, aber sie kann die Situation scheinbar einfach nicht nachempfinden...Manchmal überkommt mich eine tiefe Resignation und dann denke ich, es ist eh schon alles zu spät, ich werde nie einen Einstieg ins "normale Leben" finden, in Alterarmut und total vereinsamt enden.

    Wäre ich nicht dieses Jahr fertig mit dem Master, hätte ich vielleicht doch noch alles hingeschmissen. Aber mir fehlt eine Alternative und außerdem liebe ich mein Studienfach ja eigentlich. Ich sehe alle an mir vorbeiziehen, wie sie sich entwickeln, Geld verdienen, heiraten, Kinder bekommen, Häuser bauen, sich auch mal was leisten können und nicht ständig die Eltern um Geld bitten müssen. Dazu kommt, dass mir die Decke auf den Kopf fällt (seit 2013 war ich nicht mehr im Urlaub) und einfach jedes Jahr so ins Land zieht, ohne dass sich was ändert.

    Es gibt dann wieder Momente, die mich aufrichten, meist in der Uni. Da fühle ich mich wohl und ich kenne andere, denen es genauso geht. Aber jetzt in den Semesterferien ist es ätzend...Ich schlafe manchmal nicht, weil ich ständig über meine Situation nachdenken muss und dann bekomme ich manchmal richtig Pnik und muss mich mit irgendwas ablenken.

    Es ist auch gar nicht so, dass ich jetzt unbedingt will was die anderen wollen. Ich möchte keine Kinder und brauche auch kein Haus. Mein Singleleben nervt zwar, aber sooo schlimm empfinde ich es jetzt auch nicht. Es geht mir einfach um Eigenständigkeit und Unabhängigkeit und ich fühle mich wertlos gegenüber der Gesellschaft, weil ich nix beitragen kann. Meine Eltern sind wirklich lieb und unterstützen mich bei allem, aber ich will das nicht mehr. So dicke haben sie es jetzt auch nicht und dann denke ich mir halt, wenn sie mich nicht unterstützen müssten, könnten sie vielleicht jedes Jahr zwei Wochen in Urlaub fahren...
    Geändert von Tammie (17.02.2017 um 14:52 Uhr)
    Ihr antwortete doch auch immer mit "OK", wenn ihr eigentlich "Fick dich!", "Idiot", "meine Welt brennt!" oder "Du fehlst mir!" meint, oder?

    (Tweet von Floh am Meer)

  8. Addict Avatar von Tammie
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    AW: Anfang 30 und nichts erreicht

    Zitat Zitat von Schokovanille Beitrag anzeigen
    Ich stecke im Moment in einem richtigen Krise. Eigentlich schon seit Jahren

    Ich bin Anfang 30, studiere mehr auf dem Papier als wirklich hinzugehen (Depressionen, Soziale Ängste) und habe bisher absolut gar nichts geschafft. Kein Job, kein Mann, Kinder, etc.

    Der Tod meines Vaters vor einigen Jahren hat mich total aus der Bahn geworfen und irgendwie schaffe ich es das alles so sehr zu verdrängen dass ich echt wie in so einer Scheinwelt lebe.
    Aber ich kann doch nicht ewig so weitermachen und mich von meiner Mutter unterstützen lassen

    Mittlerweile habe ich kaum mehr Motivation irgendetwas zu machen weil ich immer denke es ist eigentlich eh schon alles zu spät. Ich hab es einfach verpasst endlich mein Leben in die Hand zu nehmen.

    Gibt es vielleicht irgendjemanden der in einer ähnlichen Situation ist / war und der sich ein bisschen austauschen möchte? Das würde mich wirklich freuen
    Schokovanille, bei dir besteht ja noch diese Thematik mit deinen Depressionen und den sozialen Ängsten. Kannst du einschätzen, ob diese von deiner Situation herrühren oder ob sie erst Auslöser für deine Situaton sind, weil sie dich in deinem Alltag behindern? Du schreibst der Tod deines Vaters hat dich aus der Bahn geworfen (das tut mir übrigens sehr Leid für dich ), warst du danach mal in einer psychologischen Behandlung? Das klingt ja alles nach einer Depression.

    Mir ging es psychisch einige Monate sehr schlecht. Ich hatte keinen Antrieb, musste wegen allem weinen, später war mir schlichtweg alles egal und die alltäglichsten Dinge wie Zähneputzen stellten sich als riesige Herausforderung heraus. Glücklicherweise kam die depessive Episode "nur" von einem heftigen Nährstoffmangel, der schnell behoben werden konnte. Aber wenn ich mir vorstelle, über Jahre in dieser Situation sein zu müssen, wird mir ganz anders...

    Als ich deinen Beitrag gelesen habe, musste ich vom Gefühl her zuerst daran denken, dass du vor allem wegen deiner psychischen Verfassung so in den Seilen hängst oder diese deine Lage zumindest enorm verschlimmert. Ich denke, du solltest da zuerst ansetzen (wenn du es nicht schon hast). Aber klar, es muss nicht so sein. Das war nur mein erstes Bauchgefühl
    Ihr antwortete doch auch immer mit "OK", wenn ihr eigentlich "Fick dich!", "Idiot", "meine Welt brennt!" oder "Du fehlst mir!" meint, oder?

    (Tweet von Floh am Meer)

  9. Senior Member Avatar von rubysoho
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    AW: Anfang 30 und nichts erreicht

    Ich weiss nicht, ob ich viel hilfreiches beitragen kann, aber : du bist mit deine Ängsten nicht alleine!
    Mir geht's oft ähnlich, und das auch durchaus begründet. (Ich habe eine abgebrochene Ausbildung und ein abgebrochenes Studium zu bieten, und auch wenn ich jetzt kurz vor'm Master bin und es eigentlich ganz gut läuft denke ich doch ständig daran was in der Vergangenheit alles schiefgelaufen ist.)
    Ich finde, dass es der Begriff "Verzagtheit" ganz gut trifft. Man traut sich wenig zu, schafft dann eben auch nur wenig und traut sich noch weniger zu. Und aus dem Teufelskreis rauszukommen ist gar nicht so einfach.
    Ich finde es hilfreich mir klarzumachen, dass ich an der Vergangenheit nichts mehr ändern kann. Es wäre schön, wenn einiges anders gelaufen wäre, aber so ist es eben nicht und da kann ich nichts mehr dran machen. Also kann ich auch aufhören darüber nachzudenken und mich damit verrückt zu machen.
    i expect to find him laughing

  10. Regular Client Avatar von Fragola
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    AW: Anfang 30 und nichts erreicht

    Ich reihe mich mal ein auch wenn ich nicht weiß, ob ich so dazugehöre... Ich habe schon einiges erreicht (Abitur, Ausbildung, Vollzeitarbeit, Abendstudium) aber ich bin seit 10 Jahren in der gleichen Firma und wenn ich mir Freunde ansehe mit ihren Reisen, Auslandsaufenhalten und allerlei Zappzerapp, dann fühle ich mich ziemlich minderwertig und so, als hätte ich meine "besten" Jahre nicht ausreichen genug gelebt.

    Das nagt ziemlich an mir. Ich bin ohnehin immer schon eher ein Spätzünder gewesen aber verloren gegangene Zeit bringt einem ja NIEMAND wieder und das ist sehr beängstigend.
    *~* "Schicker Mantel, Nanny Fine. Wieviele Muppets mussten dafür sterben?" C.C *~*

  11. V.I.P. Avatar von finessa
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    AW: Anfang 30 und nichts erreicht

    Fragola, ich denke es macht einen erheblichen Unterschied, ob du das - sicher auch sehr schmerzhafte- Gefühl hast zu wenig erreicht zu haben und dich im Vergleich mit anderen minderwertig fühlst, dabei allerdings auf eine Reihe von Erfolgen (gerade ein Abendstudium ist eine ziemliche Leistung!) zurückblicken kannst oder rein faktisch gegenwärtig eine existentielle Grundlage erst geschaffen werden muss, weil mit über 30 sowohl ein fester Job als auch eine abgeschlossene Ausbildung fehlen und man noch von der Mutter unterstützt wird.

    Mich selbst würde ich irgendwo dazwischen einordnen, d.h. mir fehlt es an manchen Punkten an einer Basis und auch an einer Perspektive, habe aber gleichzeitig subjektiv viel (und objektiv zumindest ein wenig) erreicht. Was mir bei diesem subjektiven Gefühl geholfen hat war es, meine persönliche Situation sehr klar in den Blick zu nehmen und eben zu sehen, nicht die Voraussetzungen mitzubringen die andere haben, deren Leben mehr so verläuft, wie ich es mir wünschen würde und mehr zu sehen, was ich innerhalb meines Möglichkeitsrahmen leiste - etwa bei meinen Versuchen, mir diese Voraussetzungen zu schaffen.

    Mein Tipp an dich, Schokovanille, wäre, das ebenfalls zu versuchen und zu sehen, was du tatsächlich jeden Tag erreichst - auch, wenn es (noch) nicht dem entspricht, was du dir für dich wünschen würdest. Wenn du etwa soziale Ängste und Depressionen hast, kommst du vermutlich oft in Situationen, die dich herausfordern und du an deine Grenzen gehst: Du könntest dein Selbstbild dann dahingehend adaptieren, zu sehen, wie oft du versuchst deinen Handlungsspielraum zu erweitern, anstatt zu sehen, wo du hinter deinen Wünschen zurückbleibst. Wenn du soziale Ängste hast wirst du dich garantiert immer wieder überwinden, mutig zu sein. Andere, die solche Ängste nicht haben, meistern manches vielleicht objektiv besser, aber sie müssen dabei -im Gegensatz zu dir- nicht mutig sein. Richtest du deinen Blick also darauf, wie oft du dich deiner Angst stellst - anstatt zu sehen, Angst zu haben- kannst du mit der Zeit: "Ich bin mutig" in dein Selbstbild internalisieren: Gerade weil du Angst hast, die du überwindest! (keine Angst hat ist nicht mutig, sondern furchtlos).

    Das kann dazu führen, Vertrauen in dich zu gewinnen, mit Ängsten umzugehen und irgendwann vielleicht sogar weniger Ängste zu haben. Vor allem aber: Wenn du siehst, in wie vielen Situationen du tagtäglich Mut zeigst, stärkt es dein Vertrauen auch in für die meisten Menschen schwierigen Situationen mutig zu bleiben, eben weil du SO OFT erlebt hast, dich deiner Angst stellen zu können. Damit änderst du deine subjektive Haltung dir und deinem Leben gegenüber.

    Neben diesen subjektiven Faktoren solltest du auch die objektiven angehen: Da würde ich Punkt für Punkt eine Standortbestimmung machen - auch, wenn das schmerzhaft ist, weil es bedeutet, dich von deiner Scheinwelt zu verabschieden. Gleichzeitig ist es die Voraussetzung, real erfüllender zu leben. Du könntest dich etwa fragen, wo du heute in 10 Jahren sein willst und dann rückwärts gehend einen Plan dorthin zu entwickeln - und dich da wirklich ganz konkret zu fragen, was du heute, morgen und übermorgen dafür machen kannst. Zumindest Kinder haben zu wollen, scheint für dich etwas zu sein, das du klar weißt - damit hast du einen ersten Anhaltspunkt.
    "Das Verliebtsein ist ja nicht mehr als ein psychiatrisches Durchgangsstadium und die zwanghafte Besessenheit von einem Menschen auf Dauer so ungesund wie Kokainkonsum." Um etwas Pepp in Vernunftbeziehungen zu bringen, empfiehlt der deutsche Paartherapeut Arno Retzer den gelegentlichen Einsatz von Wasserpistolen.

  12. Enthusiast Avatar von mais
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    AW: Anfang 30 und nichts erreicht

    Zitat Zitat von finessa Beitrag anzeigen
    Fragola, ich denke es macht einen erheblichen Unterschied, ob du das - sicher auch sehr schmerzhafte- Gefühl hast zu wenig erreicht zu haben und dich im Vergleich mit anderen minderwertig fühlst, dabei allerdings auf eine Reihe von Erfolgen (gerade ein Abendstudium ist eine ziemliche Leistung!) zurückblicken kannst oder rein faktisch gegenwärtig eine existentielle Grundlage erst geschaffen werden muss, weil mit über 30 sowohl ein fester Job als auch eine abgeschlossene Ausbildung fehlen und man noch von der Mutter unterstützt wird.

    Mich selbst würde ich irgendwo dazwischen einordnen, d.h. mir fehlt es an manchen Punkten an einer Basis und auch an einer Perspektive, habe aber gleichzeitig subjektiv viel (und objektiv zumindest ein wenig) erreicht. Was mir bei diesem subjektiven Gefühl geholfen hat war es, meine persönliche Situation sehr klar in den Blick zu nehmen und eben zu sehen, nicht die Voraussetzungen mitzubringen die andere haben, deren Leben mehr so verläuft, wie ich es mir wünschen würde und mehr zu sehen, was ich innerhalb meines Möglichkeitsrahmen leiste - etwa bei meinen Versuchen, mir diese Voraussetzungen zu schaffen.

    Mein Tipp an dich, Schokovanille, wäre, das ebenfalls zu versuchen und zu sehen, was du tatsächlich jeden Tag erreichst - auch, wenn es (noch) nicht dem entspricht, was du dir für dich wünschen würdest. Wenn du etwa soziale Ängste und Depressionen hast, kommst du vermutlich oft in Situationen, die dich herausfordern und du an deine Grenzen gehst: Du könntest dein Selbstbild dann dahingehend adaptieren, zu sehen, wie oft du versuchst deinen Handlungsspielraum zu erweitern, anstatt zu sehen, wo du hinter deinen Wünschen zurückbleibst. Wenn du soziale Ängste hast wirst du dich garantiert immer wieder überwinden, mutig zu sein. Andere, die solche Ängste nicht haben, meistern manches vielleicht objektiv besser, aber sie müssen dabei -im Gegensatz zu dir- nicht mutig sein. Richtest du deinen Blick also darauf, wie oft du dich deiner Angst stellst - anstatt zu sehen, Angst zu haben- kannst du mit der Zeit: "Ich bin mutig" in dein Selbstbild internalisieren: Gerade weil du Angst hast, die du überwindest! (keine Angst hat ist nicht mutig, sondern furchtlos).

    Das kann dazu führen, Vertrauen in dich zu gewinnen, mit Ängsten umzugehen und irgendwann vielleicht sogar weniger Ängste zu haben. Vor allem aber: Wenn du siehst, in wie vielen Situationen du tagtäglich Mut zeigst, stärkt es dein Vertrauen auch in für die meisten Menschen schwierigen Situationen mutig zu bleiben, eben weil du SO OFT erlebt hast, dich deiner Angst stellen zu können. Damit änderst du deine subjektive Haltung dir und deinem Leben gegenüber.

    Neben diesen subjektiven Faktoren solltest du auch die objektiven angehen: Da würde ich Punkt für Punkt eine Standortbestimmung machen - auch, wenn das schmerzhaft ist, weil es bedeutet, dich von deiner Scheinwelt zu verabschieden. Gleichzeitig ist es die Voraussetzung, real erfüllender zu leben. Du könntest dich etwa fragen, wo du heute in 10 Jahren sein willst und dann rückwärts gehend einen Plan dorthin zu entwickeln - und dich da wirklich ganz konkret zu fragen, was du heute, morgen und übermorgen dafür machen kannst. Zumindest Kinder haben zu wollen, scheint für dich etwas zu sein, das du klar weißt - damit hast du einen ersten Anhaltspunkt.
    mal wieder ein finessa-premium-post!

  13. Junior Member
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    AW: Anfang 30 und nichts erreicht

    Ich kann dich sehr, sehr gut verstehen. Mir geht es ähnlich. Ich musste aufgrund psychischer Probleme mein Studium abbrechen und halte mich seitdem durch sehr viel harte Arbeit über Wasser. Ans Alter will ich gar nicht denken und hab dahingehend immer das Gefühl, ich müsste unbedingt einen Partner haben, der mich dann irgendwann "durchfüttert" wenn die Rente nicht reicht. Es nagt auch sehr an mir, dass ich ausbildungstechnisch praktisch auf dem Stand des Abiturienten bin. Ich war immer sehr gut in der Schule und im Studium und es wurden sehr hohe Erwartungen in mich gesetzt, die ich nun alle nicht erfüllt habe. Es macht mich manchmal auch traurig, wenn ich mitbekomme, wie ehemalige klassenkameraden zb.,die viel schlechtere Noten hatten und die mich damals schon als streberin gemobbt haben, jetzt erfolgreich im Berufsleben stehen, während ich "wunderkind" von damals jetzt klos putze.
    Mir hilft im Alltag vor allem, dass ich mir, wie meine vorrednerin schon geschrieben hat, immer wieder sage, dass ich für so kleine Sachen, die für andere selbstverständlich sind, einfach viel mehr Kraft brauche und ich mich deshalb nicht immer vergleichen kann. Für mich ist einkaufen gehen halt echt schon eine Leistung, auf die ich stolz sein kann.
    Für mich war es außerdem total wichtig, das Studium abzubrechen und zu akzeptieren, dass ich nicht ewig so weiter dümpeln kann. Mir ist es mittlerweile super wichtig, dass ich Geld verdiene, auch wenn es im Vergleich zu anderen halt wenig ist. Aber das tut viel für mein Selbstbewusstsein.
    Ich habe versucht, aus dieser "mir geht's schlecht, ich schaff nix - opferrolle" eher so eine trotzige KämpferRolle für mich zu machen, das hilft mir auch. Ich denk mir immer, dass ich eben anders als andere bin und trotzdem irgendwie mein Leben meistere und stolz darauf sein kann, was ich eben trotz der Krankheit geschafft habe. Ich sage mir auch immer wieder, dass ich nicht schuld daran bin. Das klappt alles mehr oder weniger gut :-p...
    Ich habe zwar einen Freund, an dem ich auch übertrieben stark hänge, aber der ist mir in dieser Hinsicht keine Hilfe, weil er der Meinung ist, dass psychische Erkrankungen nicht existieren und man sich halt einfach mal zusammen reißen soll...

    Achso meine Probleme sind auch durch den Tod meines Vaters so schlimm geworden...

  14. V.I.P. Avatar von finessa
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    AW: Anfang 30 und nichts erreicht

    Danke, mais! Ich hoffe, der TE kann es ein wenig Input geben, produktiver auf die Dinge zu schauen, die ihr schwer fallen.

    Vielleicht hilft dir auch dich an Phasen deines Lebens zurückzuerinnern, in denen du dachtest, schon zu alt für xy zu sein oder es zu spät wäre, um z zu machen - zumindest mir geht es so, es rückblickend so einzuordnen, dass mir damals meistens nur meine Einschätzung es könne zu spät sein im Weg stand - was ich im Rückblick schade finde. Wenn du dich zehn Jahre in der Zukunft versetzt und auf heute zurückschaust, wird dir Anfang 30 vermutlich sehr jung vorkommen und du wirst dir vielleicht denken, was da alles möglich gewesen wäre ... du kannst diesem zukünftigen Ich einen Gefallen tun und in seine Gegenwart investieren
    "Das Verliebtsein ist ja nicht mehr als ein psychiatrisches Durchgangsstadium und die zwanghafte Besessenheit von einem Menschen auf Dauer so ungesund wie Kokainkonsum." Um etwas Pepp in Vernunftbeziehungen zu bringen, empfiehlt der deutsche Paartherapeut Arno Retzer den gelegentlichen Einsatz von Wasserpistolen.

  15. Senior Member Avatar von Caly
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    AW: Anfang 30 und nichts erreicht

    Zitat Zitat von finessa Beitrag anzeigen
    Danke, mais! Ich hoffe, der TE kann es ein wenig Input geben, produktiver auf die Dinge zu schauen, die ihr schwer fallen.
    Ich bin zwar nicht die TE, mir geht es aber ähnlich wie ihr (nur dass es bei mir schon "Mitte 30 und nichts erreicht" heißen müsste) und mir hat dein Text ein paar gute Denkanstöße gegeben. Danke dafür

    Tatsächlich sind mir einige Gedanken gar nicht so fremd, ich bin recht oft an dem Punkt, wo ich mir klar mache was ich tatsächlich faktisch Tag für Tag leiste usw, aber dann habe ich immer eine leise Stimme im Hinterkopf, die mir sagt, dass wäre halt Schönrederei, die ich da gerade betreibe, nichts anderes. Von jemand komplett außenstehenden zu hören, dass man es doch ganz genau so mal betrachten sollte, tut mir gerade sehr gut

  16. Senior Member Avatar von rubysoho
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    AW: Anfang 30 und nichts erreicht

    Zitat Zitat von finessa Beitrag anzeigen
    Vielleicht hilft dir auch dich an Phasen deines Lebens zurückzuerinnern, in denen du dachtest, schon zu alt für xy zu sein oder es zu spät wäre, um z zu machen - zumindest mir geht es so, es rückblickend so einzuordnen, dass mir damals meistens nur meine Einschätzung es könne zu spät sein im Weg stand - was ich im Rückblick schade finde. Wenn du dich zehn Jahre in der Zukunft versetzt und auf heute zurückschaust, wird dir Anfang 30 vermutlich sehr jung vorkommen und du wirst dir vielleicht denken, was da alles möglich gewesen wäre ... du kannst diesem zukünftigen Ich einen Gefallen tun und in seine Gegenwart investieren
    !!!
    Das ist sowas von wahr. Ich fand z.B., dass ich mit Mitte 20 zu alt für ein Erasmus-Semester wäre und könnte mich bis heute dafür in den Arsch beissen. Und ganz nüchtern betrachtet liegt mit Anfang 30 der Großteil deines Lebens noch vor dir, da kann es gar nicht sein, dass jetzt schon alle Weichen gestellt sind.
    Also, man kann sich schon mal ganz schön alt vorkommen wenn im Studium fast alle deutlich jünger sind, aber letztlich hat das eigentlich nur mit der eigenen Wahrnehmung zu tun.
    i expect to find him laughing

  17. Stranger
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    AW: Anfang 30 und nichts erreicht

    Als was bzw. in welchen Bereichen arbeitet ihr denn alle, falls jemand schreiben mag?

    Bin auch vor kurzem 30 geworden und ich finde mich in vielem wieder, wobei mein Hauptproblem meine Jobsituation bzw. eigentlich ja Arbeitslosigkeit ist. Bergab geht es bei mir seit meinem Studium, in das ich nicht richtig gepasst habe. Hab mich oft einsam und nicht zugehörig gefühlt, aus verschiedenen Gründen trotzdem weitergemacht und nach jahrelangem Hin und Her dann doch abgebrochen.
    Seither bin ich arbeitslos und vorallem auch orientierungslos; ich denke hauptsächlich deshalb, weil ich mir selbst viel Druck mache, mich über mich ärgere, warum ich nicht früher abgebrochen habe, mir Sorgen machen wie es beruflich weitergeht, was ich arbeiten soll und allgemein einfach nicht akzeptieren kann, dass alles so gekommen ist wie es nun ist. In eine Scheinwelt flüchte ich mich auch gern. Zur Bewältigung kann ich leider nichts schreiben, aber du bist jedenfalls nicht alleine!

  18. V.I.P. Avatar von hui
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    AW: Anfang 30 und nichts erreicht

    Zu allem, was kluges schon geschrieben wurde: dass man auch als junge Erwachsene (du warst Anfang 20?) vom Tod eines Elternteils aus der Bahn geworfen werden kann, ist völlig normal.
    Hattest du mal eine Therapie?
    Wenn einem eine solche Krise in der späteren Ausbildungszeit betrifft, können die Folgen schon schwierig sein.
    Schwierigkeiten sind immer doof, aber je früher man die Gelegenheit hat sich wieder zu berappeln und wieder in eine selbstbestimmte Position zu kommen, desto einfacher ist es wohl. Und mit Mitte 20 ist ein "Neuanfang" akzeptierter als später, wenn man davor "nix" geschafft hat. Weil eben, wie Gewitter schrieb, die Zeit, in der "nix" gemacht wurde, länger ist. Und Depression als Grund anzugeben ist heikel.
    Außerdem will man ja irgendwann auch selber seinen Weg sehen oder wenigstens erahnen und selbstständig sein.

    Ich kann dich sehr gut verstehen. Ich glaube, dass es wirklich so ist, egal wie aussichtslos die Situation aussieht, eigentlich kann man wirklich alles noch mit 30 hinkriegen (also private erfüllende Beziehungen, eine Arbeit, mit der man zufrieden ist, ein tolles Hobby/eine gute Beschäftigung). Nur ist das wünschen darauf viel stärker als vielleicht bei anderen, die das früher erlebt haben, weil man durch fehlende frühere Bestätigungen nicht die Ruhe hat, dass das kommen wird. Und es auch das Gefühl gibt, wichtige Eindrücke und Situationen nie kennenlernen zu "dürfen", die in unserer Gesellschaft (oder wenigstens der sozialen Gruppe, der man angehört) als selbstverständlich und eben lebenserfüllend erscheinen.
    Das ist echt scheisse. Dennoch: es gibt so viele Geschichten von Leuten, die zwar erst spät ihr Leben gefunden haben, aber wohl besser spät als nie. Und die zeigen, dass es möglich ist.
    Wir wohnen nicht in erster Linie, um zu repräsentieren, sondern um uns wohlzufühlen.


  19. Stranger
    Registriert seit
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    AW: Anfang 30 und nichts erreicht

    Zitat Zitat von hui Beitrag anzeigen
    Dennoch: es gibt so viele Geschichten von Leuten, die zwar erst spät ihr Leben gefunden haben, aber wohl besser spät als nie. Und die zeigen, dass es möglich ist.
    Magst du vielleicht dazu ein bisschen mehr schreiben, was sind das für Geschichten und vorallem, wie haben es die Leute geschafft?

    Oder hat jemand eine Idee, wo man noch andere Erfahrungen zu diesem Thema nachlesen kann? Irgendwo im Internet oder Blogs? Oder Buchempfehlungen?

  20. Stranger
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    21

    AW: Anfang 30 und nichts erreicht

    Wie sieht es bei euch mit Minderwertigkeitskomplexen aus? Ich bin zwar "erst" mitte 20, habe jedoch bereits das Gefühl, versagt zu haben.

    Ich bin ziemlich interessen- und dadurch auch talentlos, habe weder eine Beziehung, noch eine Wohnung noch sonst was erreicht. Das zieht einen noch mehr runter, weswegen man noch weniger motiviert ist, was zu ändern, da man sich sowieso wie ein Versager vorkommt.

    Am liebsten möchte ich im Erdboden versinken. Klar will ich nicht nur rumjammern, sondern mein Leben in die Hand nehmen. Ich hoffe dass mir meine Psychotherapie etwas bringt, aber bisher hat mir nichts geholfen.

    Ich finde es nicht schlimm, wenn man mit 30 noch keine gesellschaftlichen "Standards" (Heiraten, Haus, fester Job) erreicht hat. Aber ich persönlich leide sehr stark an meinem Selbstbild, weil ich mich wie eine komplette Versagerin fühle.

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