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  1. Inaktiver User

    kurzgeschichten zum nachdenken

    kennt ihr welche?
    ich dachte mir, wir könnten sie evtl. hier sammeln.

    ich fange mal an:

    glaubwürdig

    ein mann kommt zu nasreddin, um sich einen esel von ihm zu borgen. "sehr gerne", sagt nasreddin, "aber heute ist mein esel nicht da!" in diesem augenblick ruft der esel hinter dem haus: "i-aaah". "warum schwindelst du? dein esel ist doch zu hause!", fragt ihn der mann. "was ist los? wem glaubst du mehr, mir oder einem esel?", antwortet nasreddin.

  2. Inaktiver User

    AW: kurzgeschichten zum nachdenken

    Eine etwas längere Kurzgeschichte, aber wie ich finde, eine sehr schöne...

    Gabriele Wohmann: Wachsfiguren (1973)

    - Ach so, Hase geht auch mit, sagte Lilia mit fallendem Ton.
    - Natürlich geht das Häschen mit, rief Tante Else.
    Hase stand in seiner gewohnten Abwehrhaltung mit so weit wie möglich weggedrehtem Gesicht. Er spürte Wärme, plötzlich dicht: Tante Else hatte sich neben ihn gekauert, ihre Arme waren zu eifrig.
    - Heute geht es mit, nicht wahr, das Häschen, sagte Tante Else.
    Es tat Hase leid um Lilia: sie hatte das neue Kleid an mit den roten und schwarzen Sprit­zern und sah so erwachsen aus. Sie konnte ihn nicht gebrauchen. Er sagte nichts, die Lippen ließen sich nicht bewegen, aber es tat ihm leid. Das wäre nicht der Sonntag, den sie mit diesem Kleid haben könnte.
    Onkel Willi kam aus der Küche ins Vorzimmer und ließ die Tür offen, und der heiße Waschgeruch strömte herein. Onkel Willi roch festlich nach den Blumen und Kräutern seiner Rasierpaste. Sein speckiges Gesicht war nicht hart wie an Werktagen, sondern vom heißen Wasser aufgequollen und rot.
    - Was macht der Hase für ein böses Gesicht, sagte er mit seiner Sonntagsstimme. Was macht er fürn böses Gesicht, wenn er mitgehn darf, he?
    Hase gab sich Mühe, zu lächeln, aber das tat immer noch ein bißchen weh, fast zwei Jahre nach der Operation, die Oberlippe hatte nicht genug Platz, oder was war es sonst, auf jeden Fall fühlte er sich nicht wohl, wenn er lächeln mußte.
    - Macht er ein böses Gesicht? rief Tante Else. Macht er denn eins?
    - Na klar, sagte Onkel Willi, ich kann's nicht verstehn an so einem Tag, wo wir ihn mit­nehmen.
    Hase spürte, daß er jetzt etwas unternehmen mußte - nie war ein Frieden stabil genug. Er stieß eine Folge bettelnder Laute aus, hob die Hände, zwang sich, den Kopf ganz ihnen allen zuzukehren, das Gesicht zu heben, zu zeigen. Böses Gesicht. Lächeln, schlimmer als Schmerz, Unbehagen wie Krankheit. Kleines schreckliches Gesicht, schartig verzerrt und riesig rot geflügelt von den Ohrschalen. Es tat ihm leid für Lilia, auch ein bißchen für Tante Else, und sogar für Onkel Willi, weil er so weich und sonn­täglich gestimmt war.
    - Na laßt uns doch gehn, sagte Tante Else. Undankbare Kinder verdienen ja gar nicht, daß man sich so mit ihnen anstellt.
    Es tat ihm leid um Lilias Kleid, weil alle Aufmerksamkeit unterwegs, im Omnibus und in der Vorhalle an der Kasse, wie immer auf ihn gezogen war. Häschen mit der Häschen­scharte, Mäuschen mit den Fledermäuschenohren. Es tat ihm so leid für Lilia. Wie hieß er eigentlich wirklich? Hatte er einen Namen? Wie die andern: Willi, Else, Lilia. Kein Gesicht, keinen Namen. Er lief hinter den ändern her mit gesenktem Kopf, fühlte sich schläfrig vor Kummer.
    - Da, seht euch das an, sagte Onkel Willi, schleppt man ihn mit, und er hält's nicht für nötig, sich die Figuren zu betrachten. Der Eintritt hat Geld gekostet, hörst du?
    - Na laß ihn doch, sagte Tante Else.
    Er mußte nur die Anstrengung machen, sich aufrecht vor sie hinzustellen und den Kopf zu heben, ihnen alles zeigen, dann hätte er ein Gesicht. Von unten herauf betrachtete er die Wachsfiguren. Lächelnd und steif und unantastbar, Schöne und Häßliche und Krüp­pel, Könige, Verbrecher. Irgendwann bekäme er dann auch einen Namen. Jemand würde dem Aufseher melden: da steht eine Figur ohne Namen. Sie fänden einen Namen. Er hielte ihnen sein Gesicht hin, ließe das Licht rot durch die Ohrflügel flu­ten.
    Im Thronsaal blieb er zurück, erklomm das freie Podest. Er achtete nicht darauf, neben wen er sich gestellt hatte, nahm eine Haltung ein, die ihm bequem vorkam. Ohne zu lächeln, wie angenehm. Er hob das Gesicht und spürte es, spürte Augen und Nase und Lippenwunde, spürte das Licht in den Ohren. Er sah im angrenzenden Saal Lilias Kleid, die Farben schienen aus den Spritzern zu leuchten. Es erleichterte ihn: ein Tag für Lilias Kleid. Er beschloß, es nicht mehr lang hinauszuzögern, sondern so bald wie möglich das Atmen einzustellen. Gabriele Wohmann, geb. 21. 5. 1932 in Darmstadt.

    Gabriele Wohmann: Habgier. Erzählungen. Originalgraphiken von Pierre Kroger. Eremiten-Presse, Düsseldorf 197 3 (Broschur 49/50), S. 43-46.

  3. Inaktiver User

    AW: kurzgeschichten zum nachdenken

    boah, ist die mitreißend und traurig... schön geschrieben.

  4. Inaktiver User

    AW: kurzgeschichten zum nachdenken

    Finde ich auch!
    Die Kurzgeschichte mussten wir in der Schule analysieren. Zuerst fand ichs furchtbar, aber während dem Schreiben hab ich mich in sie verliebt!

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