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  1. Member Avatar von pilzfee
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    zurückliegender Suizid

    Der nun knapp zwei Jahre zurückliegende Suizid meines früheren Lehrers beschäftigt mich immer noch/immer wieder sehr. Ich hatte ein sehr gutes Verhältnis zu ihm, auch die Jahre darüber hinaus hatten wir noch losen Kontakt über facebook. Ich kann es immer noch nicht wirklich nachvollziehen, bin immer wieder sauer. Ich habe mich mich mehrmals mit seiner Frau, einem guten Freund ausgetauscht. Nichtsdestotrotz frage ich mich weshalb ich immer noch so damit hadere, ihn nicht gehen lassen kann. (Ich könnte überspitzt gesagt auch schreiben, er war doch nur mein Lehrer und wir hatten seit Ewigkeiten keinen persönlichen Kontakt mehr.)
    Bitte nur ernstgemeinte Kommentare
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  2. Addict Avatar von ginsoakedgirl
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    AW: zurückliegender Suizid

    ich kann das absolut nachvollziehen. Suizid lässt uns fassungslos und wütend zurück, und meistens suchen wir nach Erklärungen die wir nie kriegen. Oft dann noch die eigene "Schuld"frage, im Sinne von "hätte ich was merken müssen?", "wäre ich bei diesen und jenem Gespräch lieber nochmal auf eine Bemerkung eingegangen, die mir jetzt erst zusammenhänglich erscheint..." etc.... ich glaube nicht dass man jemandem sehr nahe gestanden haben muss damit einen das mitnimmt.

  3. Urgestein Avatar von Wiesgart
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    AW: zurückliegender Suizid

    Ich kann das gut verstehen. Mein Nachbar hat sich kurz nach meinem Umzug das Leben genommen. Wir kannten uns kurz, aber er war super herzlich. Da denke ich auch häufig noch dran. Dass das jedem passieren kann, man merkt es nicht. Absolut nicht. Auch im Freundeskreis. Da fühlt man sich so machtlos, grad, wenn man einige liebe Menschen hat, denen es nicht gut geht.

  4. V.I.P. Avatar von granny
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    AW: zurückliegender Suizid

    Das ist jetzt eine Küchenpsychologie-Antwort, gell, aber wenn du schreibst "weshalb ich immer noch so damit hadere, ihn nicht gehen lassen kann." klingt das ein wenig danach, als ob du etwas aus deinen eigenen Emotionen auf ihn projiziert. Vielleicht hat er etwas/eine Idee/ein Ideal für dich verkörpert, das du nicht ohne weiteres gehen lassen" kannst". (einen idealen Vater oder so vielleicht?)
    "Wer in einem gewissen Alter nicht merkt, dass er hauptsächlich von Idioten umgeben ist, merkt es aus einem gewissen Grund nicht."

    "That's not my favourite way though. That only meets 99% of my criteria..."

  5. Member Avatar von pilzfee
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    AW: zurückliegender Suizid

    Ja, das hatte ein Freund auch erzählt. Seine Frau wusste es- und sie macht sich schon Vorwürfe, dass sie ihn nicht in die Psychiatrie hat zwangseinweisen lassen.
    Ich hatte mit ihm direkt zuvor noch einen Buchtipp ausgetauscht, er hat sich dieses Buch auch bestellt. Da hab ich mir wahnsinnig den Kopf drüber zerbrochen, ob seine Entscheidung dadurch nochmals getriggert wurde. (Es handelte von einem Vogel der nach Hause zurückflog um sich zu bedanken und mitzuteilen, dass alles in Ordnung ist. War wohl eben der Grund, das da gar nichts in Ordnung gewesen ist, also gravierende unverarbeitete kindliche Traumata.) Es lag aber ungeöffnet auf dem Tisch.
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  6. Member Avatar von sommerlinde
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    AW: zurückliegender Suizid

    Zitat Zitat von granny Beitrag anzeigen
    Vielleicht hat er etwas/eine Idee/ein Ideal für dich verkörpert, das du nicht ohne weiteres gehen lassen" kannst". (einen idealen Vater oder so vielleicht?)
    für mich ein naheliegender Gedanke.
    Zitat Zitat von Thomas de Maiziere
    Wenn wir wollen, dass Extremismusbekämpfung auch bei denen stattfindet, die schon gefährdet sind, oder halb abgerutscht sind, oder wenn es um Deradikalisierung geht, dann muss man auch mal den schwierigeren Weg probieren, und das heißt, dass man mit Menschen redet, mit denen man sonst vielleicht nicht so gerne reden würde, um eines höheren Ziels willen. Und wo da die Grenze zur Förderung ist, das ist nicht leicht zu bestimmen.

  7. Member Avatar von pilzfee
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    AW: zurückliegender Suizid

    ja, auf jeden Fall. Er war ein damals noch sehr junger unkonventioneller Lehrer. Eher freundschaftlich. Er hat sich unheimlich dafür eingesetzt dass ein gutes Klassenklima herrscht, wir Konflikte klären, fair miteinander umgehen.
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  8. Enthusiast Avatar von jadore
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    AW: zurückliegender Suizid

    warum seid ihr "sauer" und "wütend", wenn sich jemand umbringt?

  9. Member Avatar von pilzfee
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    AW: zurückliegender Suizid

    Weil er ein tolles Leben hatte. Er hatte eine Frau, eine Stieftochter, die hinter ihm standen, einen Beruf, der ihm auch viel gegeben hat, eine Tätigkeit als Künstler, ein schönes zu Hause. Viele gute Freunde. Er hatte noch eine gute Weile ein gutes Leben vor sich. Er war privat versichert und hätte sicher auch gute psychologische Behandlung in Anspruch nehmen können. Kann schief gehen, kann nicht helfen, weiß ich alles. Aber er hat es nicht versucht. (Es gab den Rat in eine Traumaklinik zu gehen, darüber hat er nur gelacht.)
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  10. Enthusiast Avatar von Granada
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    AW: zurückliegender Suizid

    Weil es eine endgültige "Lösung" für Probleme ist, für die es immer irgendeine andere Möglichkeit gegeben hätte, um sie anzugehen, und hinter diesem gefühlt unüberwindbaren Berg doch noch ein schönes Leben hätte warten können. Und weil es einfach richtig beschissen ist, mit der permanenten Frage leben zu müssen, ob man nicht doch irgendwie hätte helfen oder "was merken" können / müssen. Ob man will oder nicht, man trägt einfach ein gewisses Schuldgefühl mit sich rum, und das macht halt nicht nur traurig und fassungslos, sondern auch sehr wütend.
    In meinen Schläfen baden zwei Eidechsen. Die linke ist dienstlich, sie kam mit dem Fahrrad. Die rechte ist privat, sie war im Salat.

  11. Fresher
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    AW: zurückliegender Suizid

    Zitat Zitat von jadore Beitrag anzeigen
    warum seid ihr "sauer" und "wütend", wenn sich jemand umbringt?
    Wut ist eine Emotion, die einfacher zu handhaben ist, als Trauer. Deswegen reagieren viele Menschen mit Wut, obwohl sie eigentlich traurig sind.

  12. Senior Member Avatar von Caly
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    AW: zurückliegender Suizid

    Zitat Zitat von jadore Beitrag anzeigen
    warum seid ihr "sauer" und "wütend", wenn sich jemand umbringt?
    Weil sie uns diese Trauer, die Schuldgefühle und all die ungeklärten Fragen zumuten. Weil sie nicht um Hilfe gebeten haben und uns die Chance genommen haben, irgendwas Gutes zu bewirken.

    Bei mir ist es 12 Jahre her, dass sich ein Freund umgebracht hat und das ist schon lange verarbeitet, aber in der ersten Zeit war ich tatsächlich weniger traurig als vielmehr wirklich wütend auf ihn.

  13. Enthusiast Avatar von jadore
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    AW: zurückliegender Suizid

    Zitat Zitat von pilzfee Beitrag anzeigen
    Weil er ein tolles Leben hatte. Er hatte eine Frau, eine Stieftochter, die hinter ihm standen, einen Beruf, der ihm auch viel gegeben hat, eine Tätigkeit als Künstler, ein schönes zu Hause. Viele gute Freunde. Er hatte noch eine gute Weile ein gutes Leben vor sich. Er war privat versichert und hätte sicher auch gute psychologische Behandlung in Anspruch nehmen können. Kann schief gehen, kann nicht helfen, weiß ich alles. Aber er hat es nicht versucht. (Es gab den Rat in eine Traumaklinik zu gehen, darüber hat er nur gelacht.)

    hmm, aber hat er denn die Pflicht, dir oder irgendjemandem gegenüber, sich am leben zu halten? sicherlich kann man sagen: von außen gesehen hatte er "sehr gute Bedingungen", hätte noch dies und das in Anspruch nehmen können etc. aber menschen, die sich umbringen, haben eben oft unter jahrelangen schweren Depressionen gelitten, und nein, vielleicht gibt und gab es da für ihn persönlich einfach keinen Ausweg mehr.

    ich finde, jeder mensch sollte das "recht" haben, zu entscheiden, ob er leben oder nicht leben will - man muss nicht "für" andere leben, wenn man nicht will.

    also ich will euch nicht absprechen, dass ihr nicht wütend sein könnt, aber ich bin immer etwas verwirrt, wenn Leute sowas bei einem Suizid äußern, weil es einfach so gar nicht in meine eigene Gedankenwelt passt.

  14. Member Avatar von pilzfee
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    AW: zurückliegender Suizid

    schon irgendwie seinen Angehörigen gegenüber? Oder zumindest die Aufgabe alles zu versuchen. Mh.
    Ich bin selbst schon seit meiner Jugend depressiv und hatte auch zwei Suizidversuche. Vielleicht muss ich das deshalb auch ablehnen.
    Wer lebt stört.

  15. Member Avatar von EstellaLacht
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    AW: zurückliegender Suizid

    Zitat Zitat von jadore Beitrag anzeigen
    ich finde, jeder mensch sollte das "recht" haben, zu entscheiden, ob er leben oder nicht leben will - man muss nicht "für" andere leben, wenn man nicht will.
    das finde ich schwierig. wie zb den begriff "freitod". diese menschen können sich ja nicht frei entscheiden, wenn sie das aus einer schweren depression (oder ähnlichem) heraus tun.

  16. Member Avatar von pilzfee
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    AW: zurückliegender Suizid

    Ich sehe das auch so. Er war in der Situation auch sehr verzweifelt- und depressiv, das auch immer wieder.
    Wer lebt stört.

  17. Enthusiast Avatar von jadore
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    AW: zurückliegender Suizid

    Zitat Zitat von EstellaLacht Beitrag anzeigen
    das finde ich schwierig. wie zb den begriff "freitod". diese menschen können sich ja nicht frei entscheiden, wenn sie das aus einer schweren depression (oder ähnlichem) heraus tun.
    sehe ich tatsächlich ähnlich - aber aus genau dem grund kann man menschen dann ja auch nicht vorwerfen, es getan zu haben bzw. wütend auf sie sein?

    eine schwere depression verändert nunmal den bewusstseinszustand eines menschen völlig.

    wenn man seit jahren nur noch schwarz sieht, das leben überhaupt keine freude macht - wie kann einem dann vorgeworfen werden, dass man es nicht weiter versucht hat?


    (ich sehe das anders in fällen wie jeffrey epstein oder nazis, die ihr leben lang menschen gequält haben und dann sich suizidiert haben, um nicht dafür zur rechenschaft gezogen werden zu können. natürlich bin ich da auch irgendwie wütend. aber bei ganz "normalen" menschen, die halt einfach nicht mehr konnten und wollten verstehe ich dieses gefühl nicht).

  18. Enthusiast Avatar von jadore
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    AW: zurückliegender Suizid

    Zitat Zitat von pilzfee Beitrag anzeigen
    schon irgendwie seinen Angehörigen gegenüber? Oder zumindest die Aufgabe alles zu versuchen. Mh.
    Ich bin selbst schon seit meiner Jugend depressiv und hatte auch zwei Suizidversuche. Vielleicht muss ich das deshalb auch ablehnen.
    ich kann deine gedanken schon irgendwie nachvollziehen.
    habe neulich drüber nachgedacht im kontext von chantal akerman, einer filmemacherin, die sich vor einigen jahren umgebracht hat. sie hat es erst getan, nachdem ihre mutter gestorben war, denn das konnte und wollte sie ihr nicht antun.
    ich denke, mir würde es da ähnlich gehen. der gedanke, dass es meinen eltern schlecht geht, übersteigt dann den eigenen wunsch, zu sterben.

    aber: ich finde es schwierig, das als moralisches diktum auf jeden menschen zu übertragen. nur weil ich dieses innere gefühl habe, heißt das finde ich nicht, dass jeder die "pflicht" hat, genau so zu handeln. man weiß eben nicht, wie schlimm der leidensdruck für die jeweilige person war. es hat ja auch oft nichts damit zu tun, dass diese person einen nicht geliebt oder wertgeschätzt hat. nur manchmal hilft halt nichts mehr, auch nicht, bei freunden hilfe zu suchen, und wenn die person das halt schon ganz genau weiß, dann ist das halt so. finde ich.

    (aber ich glaube ich schreibe nun auch lieber nichts mehr dazu, ist ja immer ein heikles thema).

  19. Addict Avatar von Petrillo
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    AW: zurückliegender Suizid

    jadore, ich glaube, dass man das meistens nüchtern gesehen alles auch so sieht, aber einfach trotzdem wütend ist.

  20. Member Avatar von pilzfee
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    AW: zurückliegender Suizid

    Also ich fühle mich nicht angegriffen. Zu dem Zitat: "nur manchmal hilft halt nichts mehr, auch nicht, bei freunden hilfe zu suchen, und wenn die person das halt schon ganz genau weiß, dann ist das halt so. finde ich." -also das weiß man dann doch aber nicht Vorher? Also wenn man das nicht ausprobiert hat. Ebenso wie halt therapeutische klinische Behandlungen. Und Medikamente. Hat er alles nicht versucht.
    Und zu dem Zitat: "wenn man seit jahren nur noch schwarz sieht, das leben überhaupt keine freude macht - wie kann einem dann vorgeworfen werden, dass man es nicht weiter versucht hat?" Das stimmt schon. War in seinem Fall aber auch nicht so. Er hat auch noch gearbeitet. Es waren laut seiner Frau immer wieder Phasen.
    Wer lebt stört.

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